Sonntag, 8. Oktober 2017

Aversions Crown - Xenocide


Band: Aversions Crown
Album: Xenocide
Genre: Deathcore
Release: 20. Januar 2017
Herkunft: Brisbane, Australien

1. Void
2. Prismatic Abyss
3. The Soulless Acolyte
4. Hybridization
5. Erebus
6. Ophiophagy
7. The Oracles of Existence
8. Cynical Entity
9. Stillborn Existence
10. Cycles of Haruspex
11. Misery
12. Odium

Ja, zugegebenermaßen ist der Release dieser Scheibe schon ein paar Tage her - jedoch hat sich kaum ein Album für mich je so gedreht wie dieses. Ich hatte vor einigen Wochen das Vergnügen, Aversions Crown live zu erleben - und ihre Darbietung war mehr als abgefahren. Im Anschluss hab ich mich erneut mit diesem bösen Kerl auseinandergesetzt und möchte euch dazu ein paar Takte erzählen - denn wie ich finde, werden ihm Reviews wie beispielsweise jenes hier auf metal.de objektiv gesehen schlichtweg nicht gerecht.

Void ist ein Intro, das seinen Dienst tut - es führt bedrückend, synthesizerlastig und irgendwie fremdartig an die ganze Alieninvasions-Thematik heran, mit der sich diese Band (warum auch immer das im Moment so im Trend ist) auf Xenocide auseinandersetzt. Das ist jetzt kein besonderes Hexenwerk, aber stimmig gemacht. Prismatic Abyss jedoch legt dieses Gehabe schnell ab und wechselt in den absolut aggressiven Aufsmaulmodus. Und den beherrschen Aversions Crown einfach gut - was nicht zuletzt den drei 8-Saitern (!) geschuldet ist, mit denen der Hörer weggewalzt wird. Tempowechsel zwischen schnell und beinahe schon zu schnell, Breakdown-Riffing, das auch gerne mal schwarzmetalllastig schmeckt und Double-Bass-Attentate ohne Ende bauen hier das Grundgerüst für Mark Poidas Gegrunze und Geschrei sowie die eine oder andere melodische Einlage der Gitarre. Beinahe vier Minuten gibt es hier gnadenlos ins Gesicht, bis The Soulless Acolyte übernimmt - und quasi genauso weitermacht. Ja, auch dieser Song hält das Tempo, die Drums (welche live exzellent umgesetzt werden - Hut ab!) geben Doppelvollgas - jedoch ist das Riffing hier deutlich deathlastiger als noch im Vorgänger. Von Effekthascherei kann man hier zwar gerne sprechen - jedoch sollte man dabei auch den Drop und seinen Freund, den heftigen Breakdown kurz nach Songmitte nicht vergessen. Allgemein wird auch The Soulless Acolyte durch die durchgängig vorhandene Melodie der Gitarre zu einem "passenden Song". Hybridization greift wieder zur Synthesizerintro-Keule, wächst sich dann jedoch ebenfalls zu einem Monster von Song aus - gespickt mit technisch brillanter Instrumentation. Auch wird hier erstmals das Tempo etwas raus genommen - sahnige Soße, mehr kann ich dazu nicht sagen.

Erebus ist jedoch ohne Frage das Herzstück der Platte. Grandiose Melodien, überlagert mit dem bösartigen Riffing der Jungs, einem nach Live-Shows Sehnsüchte weckenden Refrain inklusive dezenten, rhythmischen Bassdrops und einem Schlagzeug, das sich auch zeitweise mal zurücknehmen kann - ein Meisterwerk und fraglos einer der stärksten Deathcore-Songs des Jahres. Hier geht es um wesentlich mehr als den zugegeben enormen Breakdown, das ist offensichtlich. Ruhig werdend neigt sich der Song dem Ende zu und entlässt uns beinahe schon melancholisch (das ist der Moment für den Replay-Button), bis sich Ophiophagy anschließt - ein weiterer starker Track. Hier wird wieder aggressiver vorgegangen und intensiv mit Breakdowns und Synthesizer gearbeitet.

Zweites Highlight des Albums ist The Oracles of Existence - prinzipiell zeigt der Song nur gegen Ende kurzzeitig Gnade mit dem Hörer, jedoch ist auch hier die Komposition erstaunlich und bemerkenswert. Hier wird aus allen Rohren Vollgas gegeben, jedoch auch dabei die Melodik nicht vergessen. Selbst während eines obszön bösen Breakdowns unter inbrünstiger Unterstützung Mark Poidas bleibt diese erhalten. Mein dringender Anspieltipp Misery besticht durch die Gitarrenmelodie, die quasi den kompletten Song wie ein Miasma überlagert und ihm damit eine interessante Note verleiht.

Zugegebenermaßen, Xenocide nervt an gewissen Punkten, ja. Cycles of Haruspex beispielsweise macht von Beginn an Ausflüge in Slam-Gefilde und ich bin dankbar, dass die Band sich ansonsten dort raus hält. Cynical Entity nervt mit der Gitarre zu Beginn und ist auch ansonsten kein sonderlich überragender Song. Stillborn Existence und Odium tun niemandem wirklich weh - jedoch hinterlassen sie keinen bleibenden Eindruck bei mir und ich bin sicher, dass man diese vier Songs einfach hätte weglassen können. Dann hätte man immer noch ein 8-Track Album gehabt, jedoch no fillers just killers. Wäre schön gewesen.
Jedoch sind die starken Songs, allen voran Erebus und The Oracles of Existence, qualitativ umso beeindruckender. Ich bin seit der starken Live-Leistung der Jungs extrem beeindruckt und freue mich auf einen neuen Silberling. Da darf die Produktion dann auch gerne etwas roher und sparsamer ausfallen. Dick im Weg stehen tut der Stil hier zwar nicht, jedoch ist er am Anfang ein wenig gewöhnungsbedürftig - besonders, wenn man mit Alben wie Allegiance aufgewachsen ist.

Rating: 6/10
Anspieltipps: Erebus, Ophiophagy, The Oracles of Existence, Misery

August Burns Red - Phantom Anthem


Band: August Burns Red
Album: Phantom Anthem
Genre: Metalcore
Release: 6. Oktober 2017
Herkunft: Pennsylvania, USA

1. King of Sorrow
2. Hero of the Half Truth
3. The Frost
4. Lifeline
5. Invisible Enemy
6. Quake
7. Coordinates
8. Generations
9. Float
10. Dangerous
11. Carbon Copy

"Also August Burns Red sind quasi... eine Tiefkühlpizza?"
Diese Frage werde ich späterhin beantworten. Die größte Stärke von August Burns Red ist (neben einem meiner Meinung nach ungemein sympatischen und down-to-earth-en Frontmann) Beständigkeit. Kontinuität. Die Fähigkeit, immer nach August Burns Red zu klingen, jedoch ohne dabei repetitiv zu werden oder den Hörer zu langweilen. August Burns Red liefern seit nunmehr 14 Jahren Metalcore allerhöchster Güte. In meiner persönlichen Sammlung befinden sich alle Alben ab Messenger, von daher stand es gar nicht zur Diskussion, ob Phantom Anthem sich hinzugesellen wird - natürlich. Nach einigen Durchgängen bin ich von den Songs begeistert, von manchen mehr als von anderen - jedoch von keinem überrascht.

Bereits King of Sorrow und Hero of the Half Truth eröffnen kompromisslos das Feuer. Der letztgenannte Song richtet sich klar an und gegen Donald Trump, ist wütend, beißt und kratzt und ist einer der wenigen guten Anti-Trump-Songs, die ich bisher gehört habe. King of Sorrow hingegen kann mit seinem schönen instrumentalen Zwischenspiel überzeugen, ein klassischer August Burns Red eben - auf die Schnauze, Tempo raus, Tempo rein. Jedoch muss sich auch das Zwischenspiel in Hero of the Half Truth nicht verstecken - ist nur eben komplett anders als sein Verwandter. Schlagzeuger Matts gnadenloses Geprügel erstaunt mich immer wieder; mit ihm haben die Herren ohne Frage einen der besten Drummer des Genres in den Reihen sitzen. Generell ist bei August Burns Red jedes Instrument ein Hochgenuss für sich, die Drums übertreffen jedoch alles.

Auch die bereits im Vorfeld veröffentlichten The Frost und Invisible Enemy sind einwandfreie ABR-Songs - gerade Invisible Enemy hat das Zeug zu einem echten Klassiker. Der Song wechselt aus einem unglaublich intensiven Prügel-Part in einem massiven Nackenbrecher, an den sich wieder viel Gitarrengefrickel anschließt - wunderbar. Eines meiner absoluten Highlights. Wo wir bei Highlights sind - Melodie-Hightlights dieser Platte sind ganz klar Quake, Generations und Dangerous! Generations wartet mit einem erfrischenden, tanzbaren, beinahe schon beruhigenden Zwischenpart und Outro auf, während der Fokus bei Quake und Dangerous klar auf melodischem Riffing (selbstverständlich in Abwechslung mit gnadenlosem Gebretter) liegt. Dangerous ist hier ein weiteres Highlight für mich und beinhaltet einen der besten ABR-Riffs, die ich jemals gehört habe. Carbon Copy ist ein weiterer potenzieller Klassiker und schließt das Album mit einem fantastischen Schlusspart ab - insgesamt liefern die Herren hier unfassbar kurz erscheinende 53 Minuten.

Aber sind August Burns Red denn nun eine Tiefkühlpizza?
Meiner Meinung nach: ja. Denn wie bereits erwähnt, erhält man nie viel wirklich neues. Dem gewohnten Stil wird treu geblieben und an zwei, drei Stellen wird dieser mit einer Prise Innovativem gewürzt. Ja, August Burns Red können sich das erlauben - nie wirklich was Neues, aber immer geil. Wie eine Tiefkühlpizza. Die würd' ich mir auch jederzeit reinziehen, auch wenn ich in meinem Leben schon einige davon verzehrt habe.

Rating: 9/10
Anspieltipps: Hero of the Half Truth, Invisible Enemy, Generations, Dangerous, Carbon Copy

Freitag, 6. Oktober 2017

Dawnwatcher - Seasons (EP)

Band: Dawnwatcher
EP: Seasons
Genre: Metalcore / Post-Hardcore
Release: 6. Oktober 2017
Herkunft: Saarbrücken, Deutschland
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1. Blossom
2. Inferno
3. Decay (feat. Sören Frechen I Am Noah)
4. Evercold

Nachdem bereits die erste Single Circles (feat. Desirée Fery) bei mir wie eine Bombe eingeschlagen und mich tief beeindruckt hat, war ich vor wenigen Wochen sehr erfreut, als endlich die erste EP angekündigt wurde. Heute morgen habe ich dann die geradezu monströsen 3,96€ (!!!) direkt investiert und könnte darüber kaum glücklicher sein. Seasons ist sowohl musikalisch als auch lyrisch vollgepackt mit Emotionen - darunter Sehnsucht, Hingabe, Wut und Schmerz.

Blossom beginnt wunderbar melodisch und ruhig, gibt den Instrumenten viel Freiraum, zur Geltung zu kommen, bevor Andrés (absolut fantastisches) Geschrei einsetzt. Selbst unter Begleitung dessen bleibt der Song sehr melodiefixiert und ruhig - bis er dann in der Mitte in einem erschreckend wütenden Break aufplatzt. Es schließen sich Cleangesang und erneut hypnotisierend melodische Parts an. Die Leadgitarre ist geradezu betörend.

Nach dem ruhigen Ausklang beginnt Inferno und geht gleich von Beginn an ordentlich rein, geizt jedoch dabei ebenfalls nicht mit bestechender Melodik. Hier wird jedoch allgemein wesentlich aggressiver und fordernder gerifft - bis zum Refrain. Dieser nimmt das Tempo wieder ordentlich raus und trägt mich mit seiner zauberhaften Leadgitarre schon beinahe wieder davon. Da ist es auch gar nicht schlimm, dass dieser sich einige Sekunden darauf bereits wiederholt.

In Decay geht es in Sachen Tempo zum ersten Mal richtig ab. Durch Double-Bass-Action und insgesamt exzellentes Drumming wird das breakdownlastige Riffing kräftig untermalt, besonders fixen mich hier allerdings die Lyrics an. Die Vocals von André und Sören passen hervorragend zusammen und heben diesen Song deutlich hervor. Auch durch den gesprochenen Part wird hier eine spannende Kurve erzeugt, aus welcher der Song erneut Tempo aufnimmt und geradezu erblüht.

Mein klares Highlight ist jedoch Evercold. Spätestens hier überzeugen Dawnwatcher neben enormem Gespür in Sachen Gleichgewicht zwischen melodischer Gestaltung und authentischer Aggressivität auch mit einem wundervollen Outro, von dem ich mir persönlich bei jedem Durchlauf wünsche, es möge doch einfach weitergehen und nicht enden.

Verpackt ist die EP in einem Gewand aus hervorragender Produktion, die alle Instrumente angemessen zur Geltung kommen lässt - der Bass, die Drums, die Gitarren, die Samples und Electroparts - alles hat seinen Platz und ist deutlich auszumachen, nichts kommt zu kurz. So lob ich mir das. Ich hoffe inständig, dass wir noch mehr von den sympathischen Jungs hören werden. An dieser Stelle möchte ich ihr Cover von Linkin Parks Somewhere I Belong erwähnen. Das Ding kostet auf Amazon 99 Cent und ist meiner Meinung nach extrem gelungen. Das Sahnehäubchen darauf ist - 100% der Einnahmen des Covers gehen an die International Association for Suicide Prevention (IASP). Wenn es euch gefällt - tut euch selbst, der Band, der IASP und somit zahlreichen depressiven Menschen in Deutschland diesen symbolischen Gefallen - wer weiß, wessen Leben ihr damit eventuell rettet.
Ich geh jetzt wieder zum Outro von Evercold und versuche weiterhin, die Tränen zurückzuhalten. Cheers.

Seasons: 10/10.

Donnerstag, 31. August 2017

Eskimo Callboy - The Scene


Band: Eskimo Callboy
Album: The Scene
Genre: 5$ Bitchcore
Release: 25. August 2017
Herkunft: Castrop-Rauxel, Deutschland

1. Back in the Bizz
3. The Devil Within
4. Banshee
5. The Scene (feat. Fronz Attila)
6. VIP
7. Shallows
8. Nightlife (feat. Little Big)
9. X
10. New Age
11. Frances
12. Rooftop
13. Calling
14. The Devil Within Acoustic (feat. Tobias Rauscher)

Zwei Jahre ist es nun her, dass die Castrop-Rauxeler Callboys uns mit Crystals beehrt haben. Und obwohl es sich dabei um ein gutes Album handelte, fühlte es sich für mich nach ein paar Durchläufen einfach ein wenig so an... als sei die Luft raus. Zumindest über weite Strecken. Heraus stach Best Day mit Sido, weil ich hier noch das Gefühl hatte, dass die Band macht, was sie möchte, nicht, was von ihr erwartet wird. Und es scheint mir so zu sein, dass sie mit The Scene auf letzteres einfach mal komplett geschissen hat.
The Scene ist Abwechslung, The Scene ist Unterhaltung. Es ist erfrischend, facettenreich und im Vergleich zu Crystals ein riesiger Sprung nach oben - meiner Meinung nach ist es bisher sogar das beste Album der Band, aber dazu gleich mehr.
Back in the Bizz beginnt mit einem heftigen Hip-Hop-Beat und gibt gleich darauf Vollgas. Hervorheben muss ich an dieser Stelle direkt mal die Electro-Parts, die in fast jeden Song eine einzigartige Facette einbringen. Die klingen hier, bei BitB, mal nach Progressive House, späterhin mal mehr nach Dubstep (nicht zu sehr, Gott sei's gedankt), es gibt einen Rave-Part (!), dann sind sie wieder absolut unaufdringliche Unterstützung und in MC Thunder einfach eine dicke, fette Schicht Kleister, die den Song quasi einschmiert und zusammenhält. Props auch an die Vocals, die in einer nie da gewesenen Facettenreichheit glänzen. Mal klingt Sebastian tatsächlich wie ein Gangster (Rooftop), mal wie ein Hardrock-Sänger (VIP), die Clean Vocals überzeugen sowohl mit Autotune als auch ohne (beide Versionen von The Devil Within). Auch die Shouts beider Herren wissen zu überzeugen, jedoch muss man hier ganz deutlich die Cleans in den Vordergrund stellen, hands down. Eine sagenhafte Entwicklung wurde hier durchgemacht (als Vergleich dient Never Let You Know Acoustic von We Are The Mess.

MC Thunder ist ein fabelhafter Song, den man mit heruntergelassener Fensterscheibe auf der Autobahn ballern kann, um den Sommer zu zelebrieren. Angenehm finde ich die Lyrics: hier heißt es zwar "I wanna ride this impressive lady every night and day", jedoch geht es um einen Cadillac. Nicht schon wieder um die x-te Party-Ische. Das ist der Aspekt, der das Album für mich zu einem Hochgenuss macht und über die bisherigen Werke hebt: die Lyrics beschäftigen sich nicht mehr 24/7 mit ficken, feiern und saufen. Ich mochte es von Anfang an nicht und das wird bei mir auch nix mehr. Zudem stimmt, wie immer, einfach die musikalische Inszenierung.
The Devil Within ist mein klarer Favorit der Platte, mit einer Menge Struktur, großartigen Keys und einem fantastisch überzeugenden Sebastian Biesler gibt es da auch wenig Raum für Diskussionen. Auch Banshee geht mehr in die ruhigere Richtung und steht somit im dicken Kontrast zum Titeltrack The Scene. Mit Fronz wird ordentlich Gas gegeben, und auch dies steht den Herren noch und wirkt durch interessante instrumentale Gestaltung frisch und interessant. Klanghölzer-esque Klänge habe ich bisher in keinem Core-Song gehört. Das sich anschließende VIP ist ebenfalls einer meiner Favoriten und ich bin gespannt, wie dieser Song live präsentiert wird. Ein weiterer Schlag ins Gesicht der ewig gestrigen, die ein Bury Me In Vegas 4 fordern. Ich danke Eskimo Callboy für die Experimentierfreudigkeit, die sie hier an den Tag legen.

Shallows ist ein mit-Vollgas-auf-die-Fresse-Track, der sich keinesfalls zu verstecken braucht. Zusammen mit Nightlife wird hier das Tempo nochmal ordentlich angezogen, bevor man mit X und New Age wieder aufs Gaspedal drückt. Der Anschlusstrack Frances überrascht mit interessanten Drums zu Beginn und gegen Ende durch wundervolle, weibliche Cleans, die mich an Cozy Zuehlsdorff erinnern und kratzt schon hart an Radiotauglichkeit - doch das ist okay und verdient! Es wäre sogar mehr als verdient. Wie an vielen Stellen auf der Platte nehmen sich die Jungs hier zurück und zeigen sich von einer ruhigeren, gefühlvolleren Seite.
Rooftop ist, für mich, der einzige Song, der nicht wirklich einen bleibenden Eindruck hinterlässt, wenn man von dem harten Hip-Hop-Einstieg absieht. Dafür ist das abschließende Calling grandios und dürfte das beste Lied der Band seit Broadway's Gonna Kill Us sein. Die akustische Version von The Devil Within setzt dem ganzen Teil noch ein riesengroßes Sahnehäubchen auf und geht mir kaum aus dem Kopf. Fantastische Arbeit von Tobias Rauscher und Sushii.

The Scene nur als gut zu bezeichnen, wäre untertrieben. Großartig trifft es da schon eher. Die Band bleibt sich im Großen und Ganzen treu, verlagert ihren Sound aber wie bereits angesprochen in eine ruhigere, ja schon nachdenklichere Richtung. Herausragend oder gar innovativ sind die Parts von Gitarren, Drums und Bass hier nicht zu nennen, doch sind sie stimmig. Und in dem Genre, in dem sich Eskimo Callboy bewegen - nennen wir es mal Electronic Post-Hardcore (auch wenn es mich dabei gruselt) - ist das mehr als genug. Dafür liegen die Highlights - siehe oben - bei den Electro-Parts und Vocals.
Anspieltipps: (beide) The Devil Within, Banshee, VIP, Shallows, Frances, Calling
Rating: 9/10!

Montag, 28. August 2017

Aborted - Bathos (EP)


Band: Aborted
EP: Bathos
Genre: Technical Death Metal
Release: 30. Juni 2017
Herkunft: Waregem, Belgien
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1. Bathos
2. Fallacious Crescendo

Auch 2017 entfesseln die Belgier Zerstörungsmaschinen Aborted wieder ihren Wahnsinn und lassen sie auf die stets erwartungsfreudige Hörerschaft los. Und ich muss zugeben, dass ich nicht weiß, wie das möglich ist, aber im Vergleich zu The Necrotic Manifesto haben sich Aborted erneut gesteigert. (Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich Termination Redux und Retrogore verpasst habe, jedoch werd ich das in den nächsten Tagen wiedergutmachen.)
Bathos liefert zwei Tech-Death-Songs höchster Güte. Bei weitem nichts neues, nein - aber dafür etwas sehr, sehr gutes. Startend mit einem seichten Intro, wie man Aborted nun mal kennt, wächst sich der Titeltrack nach knapp einer Minute zu einem soundgewordenen Tumor aus - aggressiv, nicht wirklich greifbar, und heavy as fuck. Why is everything so heavy?, müssen wir uns hier zurecht fragen. Wahrscheinlich, weil Sven de Caluwé und Konsorten hier wieder wie gewohnt abliefern.

Fallacious Crescendo ist musikalisch ebenfalls so interessant wie technisch anspruchsvoll inszeniert und konstruiert. Über mangelnde Kreativität kann man sich bei den Herren wie schon immer nicht beschweren. Vor allem bleiben Aborted ihrem Sound treu, wobei sie ihn doch in den letzten Jahren weiterentwickelt haben. Dass dies eindrucksvoll möglich ist, ohne sich selbst zu verbiegen oder zu verleugnen, wird auf Bathos erneut bewiesen.

Rating: 8/10.

Shadow of Intent - Reclaimer


Band: Shadow of Intent
Album: Reclaimer
Genre: Symphonic Deathcore
Release: 28. April 2017
Herkunft: Connecticut, USA
bandcamp

1. We Descend...
2. The Return
3. The Horror Within
4. The Catacombs (feat. Jason Evans Ingested & Dickie Allen Infant Annihilator)
5. The Mad Tyrant's Betrayal
6. The Gathering of All (feat. Aleksandr Shikolai Slaughter to Prevail)
7. The Heretic Prevails
8. The Prophet's Beckoning (feat. Tom Barber Lorna Shore)
9. The Forsaken Effigy
10. The Great Schism
11. The Mausoleum of Liars
12. The Tartarus Impalement

Diese Review wollte ich schon eine ganze Zeit lang schreiben - aber ich konnte mich nie überwinden, damit anzufangen. Motivation eben. Aber nun ist es soweit!
We Descend beginnt als ein ruhiges, orchestrales Stück, zu dem sich Instrument für Instrument hinzugesellt. Hierbei muss man schon die Epik dieses Intros betonen, das sämtliche Genrekollegen um Längen schlägt. Denn bereits hier werden alle Segel in Richtung Symphonic Deathcore gesetzt und alle Anker gelichtet. Nach etwas weniger als anderthalb Minuten steigt auch  Brüllwürfel Ben Duerr ins Geschehen ein und schreit sich zunehmend die Überreste seiner Seele raus.
The Return setzt erneut mit einem kurzen, orchestralen Beitrag ein, bis es rasend schnell in Richtung auf die Fresse umschlägt. Duerr bewegt sich hier irgendwo zwischen Double- und Tripletimescreams und jagt mir jedes Mal wieder eine Gänsehaut über den Rücken. Die Instrumente begleiten ihn dabei in einem angemessenen, dazu passenden Tempo. Plötzlich, Melodie! 'n Shitload of melody, und - sowas wie... fast schon Gesang? Geshouteter, jedoch melodischer Gesang. Im Anschluss an den Refrain wieder Gutturals der übelsten Sorte und man muss sich kurz vergewissern, dass diese Band tatsächlich nur einen Vocalist hat - der nebenbei bemerkt erst 22 (!) Jahre alt ist. Ich sage dem Herrn an dieser Stelle eine enorme Zukunft voraus. Das Lied ist ein Wunderwerk - Doublebass, Karazhan-Parts, Soli und treibende Rhythmen, und das alles unterstützt von Duerrs übermenschlich guten Vocals. In den 4:45 Minuten des Liedes passiert quasi einfach ZU VIEL, um es hier in Worte zu fassen. Deathcore-Neulinge könnten hier tatsächlich etwas überfordert sein (oder andernfalls von 3/4 aller anderen Deathcore-Veröffentlichungen enttäuscht sein, da Shadow of Intent die Messlatte hier unglaublich hoch legen). The Horror Within bringt die bereits bekannten Elemente direkt in voller Form zurück - Drumgeballer, Synthesizer, einen wütenden Ben Duerr - und plötzlich einen unerwartet heftigen Breakdown. Ei. Legenden berichten, dass ich beim ersten Hören dieses Breakdowns vollkommen ohne triftigen Grund einem Fremden das Erstgeborene geraubt und vor einen Zug geworfen habe, noch bevor dieses überhaupt gezeugt war.
Einfach, um auf den Breakdown klar zu kommen.
Der Song hat zwar etwas weniger Struktur als der vorherige, funktioniert aber dennoch über sechs Minuten lang außergewöhnlich gut. Und nach all dem unendlich schnellen Geballer schließt sich wieder ein "gesungener" Part an, der das Tempo ordentlich raus nimmt - was selbstverständlich nicht so bleibt. Trotzdem passt dieser "Stop" sehr gut, ist keinesfalls unwillkommen oder erzwungen. Das Lied funktioniert, wirkt wie aus einem Guss und trägt - gerade am Ende - soundtechnisch eine riesengroße Menge Tragik in sich.

Im sich anschließenden The Catacombs brillieren neben Ben Duerr auch die beiden hochkarätigen Feature-Gäste. Von der Synergie und Harmonie, die dadurch erzeugt wird, überzeugt man sich am besten selbst.
The Mad Tyrant's Betrayal strotzt wieder vor Tragik - bis zum Refrain wird hier Vollgas gegeben und auf 170 beschleunigt, bis man mit einem einzigen gigantisch bösen Bassdrop eine Vollbremsung hinlegt und den - ich muss es erneut betonen - vor Tragik geradezu triefenden Refrain hinballert. Wer hier noch nicht völlig hin und weg ist, dem kann man nicht helfen. Oder doch? Wer von dem Refrain und dem sich anschließenden Spoken-Part, dem Orchester oder dem Gitarrensolo nicht überzeugt ist, der mag es vielleicht etwas hasserfüllter? Steht mehr auf Blastbeats?
The Gathering of All könnte da weiterhelfen! Spätestens beim Gastbeitrag der russischen Tötungsmaschine Aleksandr Shikolai beginnt nämlich sogar die Mauer in meinem Kopf, zu bröckeln. Und das ist ein Ereignis von Bedeutung, versteckt sie doch meine schlimmsten Gedanken vor mir. Mittlerweile versteckt sich dort wahrscheinlich auch die Akte "Shadow of Intent machen kein 3. Album", denn das möchte ich nicht erleben.

The Heretic Prevails ist wieder sehr technisch und melodisch, glänzt mit einer großen Portion "Drive" während der Strophen und einer Spannung erzeugenden Songstruktur - großartig umgesetzt. Und diese lässigen Bassdrops, genial. Im Anschluss folgt das - meiner Meinung nach - absolute Glanzstück der Platte. The Prophet's Beckoning bringt einen Refrain mit sich, wie ich ihn im Deathcore überhaupt noch nie und selbst im Metalcore seit Jahren nicht mehr gehört habe. Emotional, man möchte fast von ergreifend sprechen, wird hier (wie in jedem Song übrigens) ein auf der Halo-Spielereihe basierendes Kapitel Geschichte erzählt. Und man möchte mitbrüllen. Man möchte in der ersten Reihe vor Ben Duerr stehen und ihm "MY BROTHERS HAVE FORSAKEN ME" ins Gesicht schreien. Allein bei den ersten Tönen der Gitarre erfüllt mich eine Sehnsucht, wie ich sie sonst nur bei Journeys Don't Stop Believing verspüre. Grandios unterstützt von Synthesizer und Slam-Gitarrenparts sprudeln die Strophen aus den Boxen. Man will nicht mehr aufhören.

The Forsaken Effigy verblasst zuerst, leider, und das ist ungerecht - als Folgetrack von The Prophet's Beckoning musste es diese Rolle leider übernehmen. Nach dem dritten Durchgang konnte ich allerdings eine Zeit lang nicht aufhören, auch diesen Song ununterbrochen auf Repeat zu hören. Lasst euch also nicht täuschen, nehmt euch die Zeit für die Effigy - ihr werdet es nicht bereuen, versprochen! The Great Schism ist ein technisch einwandfreies Instrumental, das jeden Gitarrenliebhaber erfreuen wird. Hat man nichts an Instrumentals (warum auch immer), skippt man einfach und gut ist. The Mausoleum of Liars versprüht wieder eine spannende Epik und wartet erneut mit Blastbeats, Spoken-Words und Doubletimegrowls auf. Das macht Spaß und ebnet den Weg würdig für The Tartarus Impalement. Meiner Meinung nach das zweite große Highlight auf dieser Platte voller Meisterwerke - und deshalb sag ich dazu nichts. Nehmt euch die 8 Minuten Zeit, macht es euch bequem - und genießt dieses Meisterwerk.

Ich halte es für unwahrscheinlichst, dass ich diese Aussage werde korrigieren müssen: das Deathcore-Album des Jahres. Und auch das Deathcore-Album des letzten (und wahrscheinlich auch des kommenden) Jahres. Anspieltipps: 1-12
Rating: a solid 5/7 (for the meme), 10/10.

Freitag, 18. August 2017

Enterprise Earth - Embodiment


Band: Enterprise Earth
Album: Embodiment
Genre: Deathcore
Release: 14. April 2017
Herkunft: Spokane, Washington, USA
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Zugegeben, ja! Ich gebe es direkt zu! Okay! Danke für die Erinnerung!
Es handelt sich hierbei nicht um die aktuellste Scheibe und ja, es kam auch schon wieder ne Weile nichts - aber das hatte Gründe. Dieser Blog ist ein Ein-Mann-Projekt, somit steht und fällt alles mit Motivation und Gesundheit aller Arten. Macht aber nix, denn in den nächsten Wochen möchte ich euch (neben z.B. neuen Thy Art Is Murder und Eskimo Callboy Werken) noch einige Alben vorstellen, die ihr dieses Jahr vielleicht verpasst haben könntet. Heute geht es los mit Enterprise Earth!

Enterprise Earth - ich muss zugeben, dass ich den Namen zunächst, nun ja, nennen wir es höflich "befremdlich" fand. Als ich dann allerdings zum ersten Mal Shallow Breath gehört hatte, war das ganz schnell vergessen und Patient Ø schneller angeschafft, als normale Menschen bis 3 zählen können. Dementsprechend hoch war dann auch meine Freude auf Album Nummer 2, welches Anfang des Jahres mit Mortem Incarnatum angeteasert wurde. Und meine Fresse, war das ein Bombenteaser! Von der ersten Sekunde an hämmert einen der Track mit unbändiger Kraft gegen die Wand und Dan Watson, der wohl kleinste Deathcore-Vocalist der Welt, lässt seinen Wahnsinn auf den Hörer los. Fantastisch, was hier geboten wird - dicke Breakdowns, mal langsam, mal schnell; widerliche Lyrics; Drumming allererster Sahne und eine geradezu adipöse Produktion. Gerne drücken die Instrumentalisten auch mal enorm aufs Gas und sorgen für enorm heftige Prügelpassagen, die einem nicht so schnell aus dem Kopf gehen. Temptress hieß der zweite Teaser, und der machte in etwa dort weiter, wo Mortem Incarnatum aufgehört hatte. Ein langsames, beinahe schon unangenehm düsteres Intro mündet erneut in Double-Bass-Gewitter und unheiligem Gitarrengedudel, gefolgt von - Breakdowns und Sweepings. Das tut gut, das macht Spaß.

Doch halt! Shroud of Flesh dürfen wir nicht vergessen, immerhin eröffnet dieser Track die Platte ohne großartige Verzögerungen. Dieser steht den bereits genannten Tracks um nichts nach, jedoch findet sich zwischen diesen insgesamt nur wenig Abwechslung. Und hier muss man leider auch anmerken, dass das über einen Großteil der Platte so bleibt - die Abweichungen sind vorhanden, jedoch sind sie sehr fein. So kann beim ersten Durchhören eventuell der Effekt entstehen, dass sich vieles gleich anhört. Jedoch entdeckt man nach einigen Durchläufen durchaus Unterschiede, mit welchen sich die Songs einwandfrei voneinander abgrenzen lassen. Feine Sweeps hier, eine beinahe tragische Melodie da, klare Djenteinflüsse oder ein kurzes Sample wiederum an anderer Stelle - ganz ehrlich, diese Platte ist fantastisch - und ekelhaft brutal.

2017 ist ein gutes Jahr für das mir mittlerweile sehr ans Herz gewachsene Genre Deathcore - wesentlich stärker als 2016. Während sich in den vergangenen Jahren immer mehr Vertreter des Deathcore durch absolute Repetition selbst in die Irrelevanz gedrängt oder gar ganz beerdigt haben, beerdigen Enterprise Earth mit Embodiment zuvorkommenderweise einen Großteil des Genres, der noch immer im Einheitsbrei versinkt. Großartige Gitarrenarbeit findet sich in Black Earth, Empty Sockets und Father of Abortion. Dan Watson, der seine alte Gruppe Infant Annihilator nach The Palpable Leprosy of Pollution leider aus persönlichen Gründen verlassen hat, hätte damals gar keine bessere Entscheidung treffen können - ansonsten hätten wir alle Enterprise Earth wahrscheinlich nie kennen gelernt. Unerwähnt lassen möchte ich auch keinesfalls Deathwind, den Abschlusstrack dieses Meisterwerks. Mit knapp über fünf Minuten liegt hier der längste Track des Albums vor, der jedoch auch nach seinem kurzen Intro quasi ein Dauerfeuer aus grandiosen Vocal-Skills und massiver, instrumentaler Wucht entfesselt. In einem letzten Anflug von zerstörerischer Wut bricht hier während eines brillanten Gitarrensolos gefühlt die Erdkruste auf.
Enterprise Earths einziges "Problem" ist, dass ihnen ihre Musik offenbar genau so sehr gut gefällt - was die bereits erwähnte, leichte Gleichförmigkeit zur Folge hat. Gibt man dem Album jedoch eine Chance, sich zu entfalten, tun sich die zahlreichen Facetten der Songs auf und man erkennt die massiven Unterschiede. Wie schon gesagt - 2017 ist ein großartiges Jahr für den Deathcore. Jedoch existieren noch zig Bands, die noch wie vor 10 Jahren klingen und im Einheitsklumpatsch versinken - und solange dies noch der Fall ist, kann es von Liedern der Güteklasse, wie Enterprise Earth sie hier 13 (!) Mal abgeliefert hat, nicht genug geben. Einzig und allein die Produktion könnte in meinen Ohren ein wenig unsauberer, dreckiger und gemeiner klingen
Anspieltipps: Mortem Incarnatum, The Draconian Oculus, Black Earth, Empty Sockets, Father of Abortion, Deathwind.
Rating: 9/10!

Sonntag, 18. Juni 2017

Rise Against - Wolves


Band: Rise Against
Abum: Wolves
Release: 9. Juni 2017
Genre: Melodic Hardcore
Herkunft: Chicago, Illinois, USA

...da browst man gemütlich (und hirntot) über facebook, nur um plötzlich einen Post zu sehen, in dem die Posterin eine Katze als "kleines Fellpopochen" bezeichnet. Wieder mal dachte ich spontan daran, mich umzubringen, dann jedoch kam mir eine bessere Idee: zum zehnten Mal das neue Rise Against Album hören.
Und meine 2 Cents dazu schriftlich festzuhalten.

Seit The Black Market sind inzwischen drei Jahre vergangen, und logisch betrachtet (2008 Appeal to Reason, 2011 Endgame, 2014 TBM) wurde es Zeit für einen Nachfolger. Wolves ist somit keine große Überraschung - dafür aber eine umso positivere! Bereits der Titeltrack zeigt ordentlich Zähne und legt im Vergleich zu den letzten beiden Alben wieder einen raueren Ton an. Disclaimer an dieser Stelle, einen enormen Unterschied findet man hier soundtechnisch nicht. Jedoch haben Rise Against weiter an eben diesem Sound, den sie für sich gefunden haben, gefeilt und ihn - meiner Meinung nach - perfektioniert. Man ist sich weder zu schade, dem bewährten, sehr melodischen Rezept treu zu bleiben, noch, an manchen Stellen wieder schmutzig, roh, und punkig zu klingen. In Sachen Produktion hat man den Zenit des Möglichen erreicht - hier stimmt alles. Der Bass knallt und mümmelt sich über die Songs, ist so präsent und satt, dass er schon beinahe massierend wirkt. Die Gitarren sind lebendig, abwechslungsreich und gehen richtig schön vorwärts - dabei liefern sie Melodie en masse. Tim McIllrath, der zweifelsfrei über eine der schönsten und einzigartigsten Stimmen auf diesem Globus verfügt, liefert ab. Ohnegleichen, Wolves ist eine 10/10. Zum Ende liefert McIllrath sogar einige sehr harsche Screams, sozusagen als Sahnehäubchen. Prima Ding, knallt vor allem beim Autofahren (bitte nur außerhalb geschlossener Ortschaften hören).

House on Fire, die zweite Single, schließt sich an und beginnt erneut mit einem Mümmelbass. Der Refrain eignet sich wunderbar zum mitsingen und stellt einen ätzend aufdringlichen Ohrwurm dar - gut so, denn genau das erwarte ich von einem Rise Against Song! Ganz ehrlich, die Männer liefern hier bereits in den ersten 5 Minuten mehr Energie, als ein durchschnittlicher Teenager am Tag verbrauchen kann. Wahrscheinlich kommt daher auch der Parental Advisory Sticker auf dem Cover. House on Fire ist sprichwörtlich ein Inferno von einem Song, wer hier stillsitzen kann, ist tot. Es folgt The Violence - mein absolutes Highlight des Albums und die erste veröffentlichte Single, die, wie sollte es anders sein, viel Gejammer unter "alteingesessenen" RA-Fans auslöste. Mimimi, man klinge ja genau wie auf The Black Market und Endgame. Jungs, ich weiß nicht, welche Alben ihr da gehört habt, aber man klingt ganz und gar nicht genauso! Energetisch, melodisch, gut, ja! Aber wieder wesentlich rauer, aggressiver und fordernder. Dabei möchte ich die Vorgänger nicht entehren, beide waren exzellente Werke - aber The Violence geht von Sekunde 1 an in die Vollen und tritt das Gas bis zur letzten Sekunde voll durch.
Welcome to the Breakdown liefert im Anschluss den nächsten Turbokracher und überzeugt wieder mit einer Bombe von Refrain, die (Menschen wie mich) dazu anhält, den Repeatbutton regelrecht zu vergewaltigen. Auch hier bekommt man zum Ende wieder einen akzentuiert gesetzten Scream. Generell besinnt man sich hier stärker auf seine Wurzeln - der Track ist unfassbar punkig und aggressiv, rotzt mit einer Energie aus den Boxen, die ansteckt - und klingt stellenweise dreckig. Auch dies wird nur akzentuiert eingesetzt, funktioniert und wirkt aber wunderbar.

Far From Perfect nimmt das Tempo dezent raus und ist einer dieser Songs, die sofort (und ich meine hier regelrecht Instant-Video-mäßig, wer es nicht kennt, schäme sich kurz) ins Ohr gehen. Hier ist die Abwechslung zu betonen, die Rise Against erneut darbieten. Far from perfect ist man an dieser Stelle nicht, soviel kann ich sicher sagen. Neben einem ihrer melodischsten Refrains bieten sie hier eine von Screams untermalte Bridge, die gleich darauf einem ruhigen Instrumentalpart Platz macht, der wiederum in ein musikalisches Finale erwächst, das das Lied wunderbar abschließt. Bullshit ruft auf charmantest mögliche Weise zur Nutzung des eigenen Kopfes auf und thematisiert viel aktuelles, sowohl politisches als auch gesellschaftliches Weltgeschehen. Untermalt wird dieses Konstrukt erneut von einer wunderbar wummernden Bassline und großartigen Backing Vocals. Man macht seinem Ärger offen Luft, verdient sich somit die Parental Advisory Plakette - und scheißt drauf. Rise Against sprechen ihren Ärger und ihre Gedanken aus und schwimmen alleine damit schon mit hohem Tempo gegen den Bullshitstrom an, der seit Jahren immer mehr und mehr gesellschaftsfähige Musik ergreift und ihren lyrischen Fokus auf Ärsche, Oralsex oder ähnliches legt. Großen Respekt und ein fettes "DANKE!" an diese Band, die nicht müde wird, sich PA-Sticker zu verdienen, indem sie ihre Meinung rausposaunt!

Politics of Love ist schon jetzt ein Livekracher und wird, das kann ich prophezeien, mit seinem Rhythmus und der fantastischen Melodie tausende Menschen zum mittanzen - und spätestens mit seinem Refrain - zum mitsingen bringen. Die Gitarren sind hierbei rau und schmutzig, jedoch nicht so aggressiv wie an den meisten anderen Stellen des Albums. Das Schlagzeug macht einen fantastischen Job, besonders die Bridge ist zum Verlieben schön. Whooo-Gesänge finden sich hier ebenfalls, alles in Allem - ein wundervoller, wundervoller Song. Der Song endet genauso melodisch, wie er begonnen hat, und macht Platz für Parts Per Million. Dessen Anfangsriff erinnert mich tatsächlich sehr an Appeal to Reason, und auch im Pre-Chorus kommen bei mir starke Assoziationen an die Zeit auf, als ich noch 13 war... Appeal to Reason eben. Hier gönnen Rise Against dem Hörer ein wenig laid-back-Atmosphäre, will sagen, man nimmt das Tempo stark raus - bis zum Refrain. Hier wird wieder richtig schön reingeknübbelt, insgesamt befindet man sich hier im Midtempo-Bereich. Mourning In Amerika... ach, was soll ich hier sagen? Hört selbst. Stellt für mich einen ganz klaren Hochpunkt auf einem Album voller Hits dar. Die Struktur des Songs ist wunderbar, alterniert er zwischen ruhigem Gemümmel meines Lieblingsinstruments und treibendem Geschrappel der beiden Gitarren.

How Many Walls macht bereits mit dem Einstieg klar, wo hier - erneut - der Fokus liegt: Melodie! Textlich gesehen ist dieser Song mein Highlight, denn sag mir - how many guns tell you feel safe? Auch musikalisch gibt es hier nichts auszusetzen, der Song steigert sich von Durchgang zu Durchgang - und auch von Anfang bis Ende. Viele Male kann man hier noch kleine, hintenanstehende Melodien ausmachen, die diesen Song unendlich interessant machen - von dem krassen, punkigen Break mal ganz zu schweigen. Die Kritik würzt man hier nämlich wieder mit ordentlich Aggression. Miracle stellt für das reguläre Album einen grandiosen Abschluss dar und strahlt schon fast vor Positivität - hier wird eine wichtige Botschaft vermittelt, die im Alltag gerne untergeht. Mehr möchte ich nicht verraten, sondern eher empfehlen, sich den Song (oder besser das ganze Album) selbst anzuhören. Man ist hier etwas ruhiger und versöhnlicher, geht langsamer vor, ist jedoch 100% man selbst.

Mit Megaphone und Broadcast[Signal]Frequency finden sich auf der Deluxe Edition zwei grandiose Bonustracks, die beide wieder mehr in die extrem aggressive, schnelle Richtung schlagen. Fast fühlt man sich in Revolutions Per Minute und Siren Song of the Counter Culture Tage zurückgebeamt - großartig. Das Tempo ist hier dermaßen halsbrecherisch, dass man den Titeltrack des Albums noch einmal übertrifft. Die 2 Euro mehr lohnen sich definitiv.
Aussetzen kann man als Melodic Hardcore Liebhaber an diesem Album absolut nichts, die Komposition ist fantastisch, allen Instrumenten wird ausreichend Platz gemacht, Tims Stimme ist wunderbar wie eh und je - Abwechslung wird groß geschrieben und kommt nicht zu kurz. Die Stimmen der ewig gestrigen Nörgler möge man überhören - ja, man hat sich distanziert. Wolves ist nicht The Unraveling. Wolves ist Wolves. The Unraveling war 2001. Wolves ist 2017. The Unraveling war Rise Against. Wolves ist Rise Against. 10/10.
Anspieltipps: Album von vorne bis hinten.

Oceano - Revelation


Band: Oceano
Album: Revelation
Genre: Deathcore
Release: 18. Mai 2017
Herkunft: Chicago, Illinois, USA
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Zugegebenermaßen wurde es für diese Review Zeit - und zugegebenermaßen bin ich zur Zeit etwas inaktiver, nicht, weil ich keine Musik hätte, die ich reviewen könnte oder wollen würde, sondern weil es mir aus beruflichen bzw. ausbildungsbedingten Gründen in den letzten Wochen nicht möglich war. Jedoch - sind diese nun vorbei.
Ich gestehe, dass mein Interesse an Oceano nach ihrem Zweitgeborenen (Contagion) extrem abgenommen hat, da man sich im Vergleich zum Vorgänger einfach kein Stück weiterentwickelt hatte. Nachdem dann die erste Single Slow Murder vom dritten Kind Incisions auch noch so enttäuschend war, hatte ich diese Band in den Schrank befördert und - wenn überhaupt mal - Depths gehört. Nachdem nun aber Anfang dieser Woche ein Auto an meiner Wohnung vorbei fuhr, dessen Insasse laut Skrillex' Bangarang hörte, und ich spontan darüber nachdachte, mich umzubringen, entschied ich mich, den Mannen noch eine Chance zu geben - allen voran, weil mir im Kopf geblieben war, dass Vocalist Adam Warren wie ein verdammter Panzer klingt.

Das Weiterleben hat sich gelohnt, diese Erkenntnis fiel mir schon beim Opener Dark Prophecy zu. Ein kurzes, sphärisch anmutendes Intro mündet in diesen knochenmarkschmelzenden Growls und einem Doublebassgewitter. Enorm krass. Auffällig ist hier sofort, dass hier einer der uptemposten (auch das ist jetzt ein Wort) Songs der neuen Scheibe vorliegt, der sich aber nicht scheut, das Tempo zugunsten grauenvoll intensiver Breakdowns rauszunehmen. Der sphärisch anmutende Chor bleibt erhalten und erzeugt in etwa die Stimmung, die auch auf dem Albumcover zu sehen ist. Das ist fett und - bleibt das Album über so. Gerade in Lucid Reality wird die Atmosphäre sekundenlang von diesem flimmernden Untergangsorchester getragen, bis die Gitarren und das Monster Adam wieder übel reingrätschen. Deathcore hat, gerade zur Zeit wieder, viele gute Vokalisten. Ben Duerr (Shadow of Intent), Dickie Allen (Infant Annihilator), Alex Teyen (Black Tongue), Tom Barber (Lorna Shore) und Dan Watson (Enterprise Earth, Infant Annihilator) zum Beispiel, um nur einige zu nennen. Jedoch zählt Adam Warren mit den hier genannten definitiv zur absoluten Spitze. Dieser Mann erzeugt Geräusche, die erwiesenermaßen einen derart hohen Infraschallanteil haben, dass sie afrikanische Elefanten zum Genozid anstacheln (die Studie kann ich hier nicht verlinken, da ich sie mir grade ausgedacht hab). Stellt man sich die Tonleiter als das World Trade Center vor und ordnet eine in Standard-E-Tuning gestimmte Gitarre in etwa im 50. Stockwerk ein, so findet man die Gitarren der Oceano-Männer in der Tiefgarage. Was mir als Bassliebhaber eine große Freude bereitet, ist der klangliche Spielraum, den man ebenjenem Instrument hier gelassen hat - ein gutes Beispiel dafür bietet Path to Extinction. Zwischen den malmenden Klampfen und dem wütenden Monstermann kann sich das Gedeaodeaodeao noch erfolgreich gegen die Drums bemerkbar machen - und wer diese Onomatopoesie doof findet, kann gerne zu metal.de gehen.

Da gibt's nämlich Reviews für humorlose Nudeln wie dich.

Gerade als ich mich damit abgefunden hatte, hier wohl ein Downtempo-Album zu hören - und das war nach Path to Extinction berechtigterweise der Fall - begann The Great Tribulation und walzte all meine Erwartungen nieder. Blastbeats, Doublebassgewitter, Blutmond, meine... Güte. Über allem levitiert weiterhin der sphärische Choral der Apokalypse und - nein, er nervt nicht. Er tut's einfach nicht. Was er tut, ist schnell erklärt - er hebt Revelation aus der breiten Masse der Deathcore-Alben raus, die man zwar gut finden kann, die man jedoch bereits nach der Hälfte nicht mehr so wirklich hört, weil irgendwie alles gleich klingt, Hauptsache brutal und schnell und Blastbeats und.... generisch. Auch wenn Oceano an ihrem Grundrezept hier nicht viel verändern, pusht diese Keyspur ihre musikalischen Grenzen meilenweit und schafft es somit, das Album direkt um ein Vielfaches einprägsamer zu machen. Das ist Kunst.

Illusions Unravel setzt den Downtempo-Trend fort, geizt dabei aber nicht mit Doublebass-Attentaten und im Rahmen interessant variierenden Vocals. Majestic 12 knüpft nahtlos an und lässt mir bereits bei den ersten Gitarrenklängen die Nackenhaare zu Berge stehen. Neben einem fantastischen Bassdrop findet sich hier auch einer der am lässigsten eingebauten, langsamen Breakdowns, den Deathcore in den letzten Jahren erleben durfte. Sollte ich diese Band jemals live erleben dürfen, wäre Majestic 12 der Song, der mich alles zerlegen ließe. Ich behaupte sogar, dass die Band mit diesem Song District of Misery übertroffen hat - und zwar um Längen. Mit Final Form schließt sich gnädigerweise ein Instrumental an, denn so langsam wird die Platte anstrengend. Dies ist nicht negativ auszulegen, sondern durchaus positiv. Ich liebe Alben, während denen ich mich nach einer kurzen Pause sehne - diese treffen genau meinen Grad der Brutalität.
Das Intrumental kann hier und da schonmal eine Architects-Assoziation aufflackern lassen, ist allerdings absolut stimmig und auch perfekt platziert. Wer C.A.N.C.E.R. kennt (und wer tut das nicht?), wird die "der Himmel brennt und stürzt über dir zusammen"-Stimmung hier wiedererkennen. Großes Kino, wenn nicht sogar in einen Atemzug mit Meisterwerken wie Pouring Reign (As Blood Runs Black) zu fassen. The Event trägt musikalisch eine Tragik in sich, die auch lyrisch vermittelt wird, berichtet der Song doch vom Ende der Welt und der Existenz aller, die von den Majestic 12 (den "Ascendants") als unwürdig betrachtet werden. Ich empfehle es einem jeden story-affinen Hörer, sich mit den Lyrics des Albums auseinanderzusetzen.

Human Harvest alterniert zwischen Prügel- und Schlepp-Passagen und stellt einen weiteren Apex des Albums dar, sowohl lyrisch als auch musikalisch. Das Gewitter, das hier herniederregnet, muss man erst einmal verkraften können. Der Abschluss- und Titeltrack klingt beizeiten schon groovy und rockig, jedoch nie mehr als eine Armlänge vom Oceano-typischen Deathcore-Gebretter entfernt. Man hat sich hier ordentlich Mühe gegeben und ein Album abgeliefert, an dem es objektiv nicht viel auszusetzen gibt. Was man bemängeln kann, ist die leichte Gleichförmigkeit, was die Vocals und Songstrukturen angeht - jedoch ist das Gemecker auf dem höchsten aller Niveaus. Ich bin immer ganz froh, wenn mir nicht plötzlich ein Trompetenspieler oder ein Falsett meinen Deathcore vermiest.
Ich empfehle dieses Album und gebe ihm objektive 9/10 Punkte.
Anspieltipps: Dark Prophecy, Lucid Reality, Majestic 12, The Event

Sonntag, 4. Juni 2017

Callejon - Utopia (Single)


Band: Callejon
Album: Fandigo
Genre: Metalcore / Electro
Release: 28.07.2017
Herkunft: GER

Lasst uns kurz über Callejon sprechen - die gibt es schon 'ne ganze Weile, 15 Jahre mittlerweile - und wie das mit Zeit eben so ist - Menschen verändern sich, Interessen verändern sich, Stile verändern sich, Musik verändert sich. Das haben wir gerade in den letzten Monaten mehrere Male eindrucksvoll bewiesen bekommen, ich werfe an dieser Stelle mal Suicide Silence, Linkin Park und, ganz aktuell, Hundredth in den Raum. Wie mit drastischen Veränderungen umgegangen wird, ist recht schnell beschrieben - mit Hass. In erster Linie steht dabei jedoch nicht die neue Richtung, die neue Kunst im Blickfeld, sondern die Veränderung an sich. Diesen Punkt würde ich jedoch hier, genau wie bei Suicide Silence, gerne außeracht lassen und mich rein auf das Kunstprojekt beschränken, welches da heißt: Utopia.

Utopia beginnt wunderbar verträumt mit einigen glockenartigen Klängen, zu denen sich gleich darauf ein schmackhafter Synthesizer und einer der (meiner Meinung nach) besten (Ex?-)Brüllaffen des deutschsprachigen Raums hinzugesellt. Ex? Ja, möglicherweise. Denn Screams, Growls, Grunts oder Brees finden sich hier - null. Genau gar nicht. Dafür, und diese Aussage hat Gewicht, verehrte Damen und Herren, präsentieren Callejon hier einen der catchygsten (no comment) Refrains, die sie uns jemals geliefert haben - und bei dieser Band bedeutet das eine ganze Menge. Ich beispielsweise bekomme den Refrain von Raketen oder Unter Tage nämlich bis heute nicht aus dem Kopf, und auch Spiel mir das Lied vom Leben hat bei mir seine Spuren hinterlassen. Von Disneyland on fire und Kind im Nebel mal ganz abgesehen... oh, ich schweife ab.

Nein, ehrlich - Utopia ist ein wunderbarer Song. Entfernt erinnert fühle ich mich an BMTHs letztes Album That's The Spirit, das einen ähnlich drastischen Stilwechsel mit sich brachte (der meiner Meinung nach ebenso erfrischend und angenehm anzuhören war!). Ich bin gespannt, was der Rest des Albums uns bieten wird - und in welche Genre-Kiste die Band damit wohl geworfen wird.

An dem Lied ob der Stiländerung rum zu nörgeln, ist - tschuldigung - zurückgeblieben. Die Produktion knallt, die Intrumente kommen alle entsprechend und satt zur Geltung (vor allem die Drums sind wieder mal meisterlich!), die Vocals sind großartig und machen Bock auf ein Live-Erlebnis. Obwohl man hier hart vom bekannten Weg abkommt, spürt der offene und interessierte Hörer: die Band scheint sich selbst gefunden zu haben. Es steckt eine Leidenschaft, ein "Funke" in diesem Song, der mir auf dem letzten Album einfach nicht mehr so präsent erschien. Einziger und äußerst subjektiver Kritikpunkt meinerseits - die englischen Parts. Nicht, dass ich einem englischsprachigen Callejon-Song gegenüber abgeneigt wäre, aber bitte - entweder oder.

Rating: 8/10!

Sonntag, 21. Mai 2017

Slaughter to Prevail - Misery Sermon


Band: Slaughter to Prevail
Album: Misery Sermon
Genre: Deathcore
Release: 05.05.2017
Herkunft: Russland
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Slaughter to Prevail sind ein Phänomen: trotz der unendlich plakativen Härte ihrer Debüt-EP gingen sie nach Release selbiger in Sachen Popularität durch die Decke wie Musik aus dem Partykeller. Zugegeben, ja, Chapters of Misery war ein ziemliches Brett. In Sachen Härte stand sie genreprägenden Alben wie Allegiance um nichts nach, einigen Ex-Vorreitern (wie beispielsweise Suicide Silence schon zu diesem Zeitpunkt) trat die EP mit Anlauf ins Gesicht. Misery Sermon setzt thematisch in etwa da an, wo die EP aufhörte: bei quasi allem, was schlecht ist.
Zunächst einmal möchte ich kurz erwähnen, wie genial ich es finde, dass Alex Shikolai seine Band mit seinem Russian Hate Label verbindet, indem er seine Maske schlichtweg auf dem Albumcover und in quasi jedem seiner neueren YouTube-Videos platziert. Man mag das dreist nennen, und ja, das ist es. Keine Frage. Aber dreist kommt weiter. Ich find's genial. PR vom Feinsten, die auf dem Album sogar noch einen großen Schritt weiter geht.

Hat man es nämlich irgendwie geschafft, den Titeltrack und Opener Misery Sermon zu überleben (was ich wahrlich nicht garantieren würde, bei der Härte, die dieser Track vorlegt), folgt Russian Hate. Wie bei allen anderen Tracks (außer Misery Sermon und Cultural Ills) wechselt Alex Shikolai zwischen englisch und russisch. Was ich daraus gelernt habe - ein Breakdown klingt wesentlich brutaler, wenn er von einem CYKA anstelle eines FUCKs begleitet wird. Und wenn ich mir in meinem digitalen Booklet die englischen Lyrics anschaue, bin ich zugegebenermaßen recht froh, dass ich die russischen nicht auch lesen muss. Denn auf lyrischer Ebene treibt man sich hier leider in äußerst sumpfigen Gefilden rum (Beispiel: As hideous beasts, we bring death and misery / You will watch as everything you love dies). Klar, mag man jetzt sagen, was soll man von einer Band mit diesem Namen anderes erwarten - aber eine solche Plattheit enttäuscht mich immer wieder.
Ja, zugegeben, der russische Teil klingt trotzdem beeindruckend. An dieser Stelle gestehe ich auch, mir einfach aus Selbstschutz keine Übersetzung anzuschauen.

Chronic Slaughter und King zerbrezeln weiterhin sämtliche Gehörgangpassagen und lunzen rein, was das Zeug hält. Dabei glänzt Chronic Slaughter allerdings durch einige fantastische Slam-Einlagen und Tempowechsel, wohingegen King ein wenig verblasst. Failed Hope beginnt interessant und Shikolai demonstriert ohne große Konkurrenz, wie unglaublich böse seine Vocals klingen können. Zudem glänzt das Lied kurz vor der Mitte mit einem der vernichtendsten Breakdowns auf diesem Album, an den sich etwas Melodik anschließt - nicht schlecht, da bläst Abwechslung rein! Gegen Ende schleichen sich ein paar Gang-Shouts ein und vor meinem inneren Auge sehe ich den Moshpit explodieren. Born to Die verläuft in etwa nach demselben Schema, Shikolais Vocals dominieren den Anfang, steigern sich mit Gang-Shouts zu einem Todeskanon, aus dem heraus letztlich eine melodische Lead-Gitarre geboren wird - die leider viel zu schnell wieder in einem Breakdown endet. Da können auch die eingestreuten Blastbeats wenig rausreißen, und der Bass - naja, der tut nichts eigenes. Er spielt eben, was die Gitarren spielen, und wummert so rum. Das ist schade, mit wenig Mehraufwand hätte man da an vielen Stellen noch eine ganze Ecke mehr rauskitzeln können. 666, The Hell In Man und Malice of Rites schlagen ebenfalls mit dem Quartzhandschuh voll auf die Fresse, können dabei allerdings nicht sonderlich glänzen. Hier liegt wieder das Problem vieler Deathcore-Bands vor - ja, die Songs ballern und sie sind gut. Wenn sie vorbei sind, sind sie jedoch schnell vergessen. Am ehesten glänzt hier noch Malice of Rites durch die recht überraschenden Downtempo-Passagen und den Slam-Part am Ende.

Das Intrumentalstück Below gewährt eine kurze Verschnaufpause, und wie das bei Instrumentals vor dem letzten Track eben der Fall ist - einmal tief durchatmen, denn jetzt wird's brutal.
Cultural Ills macht schon innerhalb der ersten 10,7 Sekunden klar, dass der Endspurt Richtung Hölle begonnen hat. Hier liegt ohne Zweifel das beste - und gleichzeitig brutalste - Stück der Platte vor. An keiner Stelle wird hier das Rezept verändert, jedoch wird es außergewöhnlich gut bearbeitet. Die Drums legen krasse Tempowechsel vor, teilweise mischt sich eine psychedelisch anmutende Melodie in den Hintergrund - absolut krass. Passend zum Ende des Albums (und der Welt) wird hier noch einmal der brachialste Breakdown seit dem Ende der Sowjetunion auf den Tisch gelegt. Mein Inneres gleicht bei diesen Klängen der Apokalypse, daraus mache ich keinen Hehl.

Abschließend bleibt wenig zu sagen - STP sind, wie ich oben schon erwähnte, geradezu plakativ und schon fast lächerlich hart. An einigen Stellen wirkt dies sehr erzwungen, an anderen (siehe Cultural Ills) funktioniert das gut. Extrem gut. Hier fehlt, wie leider schon auf der Chapters of Misery EP, die Abwechslung. Ein Feature beispielsweise hätte da schon extrem geholfen - Ben Duerr, Tom Barber, CJ McMahon, Dickie Allen oder sogar Eddie Pickard. Zu Chapters of Misery Zeiten konnte man sich ja auch schließlich Lucas Mann von Rings of Saturn leisten.
Trotz dieser Schwäche ist das Album solide und widerlegt (zum Glück) erneut Eddie Hermidas Aussage, dass Deathcore tot sei. Deathcore lebt.
Es lebe der Deathcore.

Anspieltipps: Chronic Slaughter, Failed Hope, Below, Cultural Ills

Rating: 8/10

Hester Prynne - The Goswell Divorce


Band: Hester Prynne
Album: The Goswell Divorce
Genre: Deathcore
Release: 26. Mai 2009
Herkunft: Kansas City, Kansas, USA

Hester Prynnes The Goswell Divorce geht los, wie man es von einem Deathcore-Album im Jahre 2009 erwarten konnte bzw. musste: mit einem kurzes Intro, das bereits klare Verhältnisse schafft. My Horoscope Just Reads 'Doom' erinnert mich direkt an As Blood Runs Blacks Allegiance-Intro. Aber irgendwie klangen die damals ja auch alle gleich: Breakdowns, Ge-Breeeeeeeeuuuuuugh und nice Drums. Das ist schön, das ist stumpf, das ist stimmig. Ich mag Deathcore á la 2009. That Night a Forest Grew macht ordentlich Tempo, glänzt mit einem scharfen Riff und... Breakdowns. Cool. Hatte man zwar selbst 2009 schon hundertmal gehört, aber das macht es nicht schlechter. Mit Casketing folgt gleich darauf mein Favorit des Albums: die Gitarren zeigen, was sie können, die Drums treiben den Song voran wie beheugabelte Bauern ihr Opfer bei einem Spießrutenlauf. Teilweise mit Blastbeats, teils mit Doublebassgewitter. Die Vocals sitzen und bewegen sich hier - wie auch auf dem ganzen Rest des Albums - zwischen heftigen Lows, relativ verständlichen Highs (keine Selbstverständlichkeit!) und, natürlich, ein paar Pig Squeals. Ich gebe zu, an Casketing bin ich hängen geblieben (und es rief mir meinen dummen Wortwitz "Ich möchte dir etwas sargen" wieder ins Gedächtnis... danke). Der Song endet mit einem alleszerstörenden Monster von Breakdown, von dem sich viele aktuellere Songs eine Scheibe abschneiden könnten.

All Roads Lead to Hell bietet wenig neues, abgesehen von dem st-st-stotternden Anfang. Jedoch rate ich spätestens bei diesem Song dazu, den Bass aufzudrehen - denn damit macht er wesentlich mehr Spaß. Die Bass Drops der Jungs sitzen, daran gibt es nichts zu meckern.
Leann Legore exerziert die bewährte Prügel-Grunz-Formel weiter astrein durch, und es kommt ein wenig Durchzugstimmung auf, bis das Lied mit einem unerwartet (und ja, ich nutze dieses Wort nun tatsächlich) schönen Solo überrascht. Das stimmt versöhnlich für die - bisher - stark mangelnde Abwechslung. Bad for Business hat mich kalt erwischt, ich sah nur 1:39 und bereitete mich mental auf eine Breakdownhagel-Interlude vor - damit ich dann mit einem Beat überrascht werde, bei dem ich jede Sekunde erwarte, dass Mike Shinoda oder sonst jemand losrappt.
Ich gebe zu, ich habe sehr gelacht.
Das Lied endet im wahrsten Sinne des Wortes mit einem Knall und der Titeltrack schließt sich an. Über den Rest des Albums kann ich nicht wirklich viel neues berichten. Weiterhin wird durchexerziert, was die erten 5 Songs reibungslos funktioniert hat - und das tut es weiterhin, keine Frage. Die Gitarren bauen nette Parts zwischen und hinter den Breakdown-Passagen ein, die Drums prügeln weiterhin gnadenlos und die Vocals - nunja, sind eben weiterhin "voll 2009". Der Bass dröhnt aus den Boxen, das ganze Ding funktioniert. Ich hätte mir trotzdem ein wenig, nunja, Abwechslung gewünscht. Abgesehen von Bad for Business findet man die hier nämlich genau gar nicht. The Courtship of Wolves and Sharks wartet in der zweiten Hälfte mit einem entspannenden Intrumental-Outro auf und beendet die Scheibe mit einer gewissen Sanftheit. Ganz großen Dank an Hester Prynne dafür - denn ich persönlich bin kein großer Freund von (gerade) Deathcore-Alben, die bis zur letzten Sekunde des letzten Tracks noch die Blastbeats anziehen. Das Outro gleicht für mich persönlich die vielen Momente aus, an denen ich mir dachte "oh wow, ein Breakdown, wie originell".
An dieser Stelle sei jedoch noch erwähnt, dass Deathcore 2009 jedoch schlicht und ergreifend so war. Hester Prynne leistet hier durchweg gute Arbeit und leistet sich meiner Meinung nach keine besonders erwähnenswerten Fehltritte. Jedoch ziehen einige Lieder aufgrund der Gleichförmigkeit vorbei, ohne einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.
Anspieltipps: That Night a Forest Grew, Leann Legore, The Goswell Divorce, The Courtship of Wolves and Sharks.

Rating: 7/10

Dienstag, 9. Mai 2017

From Fall To Spring - A Better Tomorrow


Band: From Fall To Spring
EP: A Better Tomorrow
Genre: Post-Hardcore, Power-Alternative
Release: 16.04.2017
Herkunft: Neunkirchen, GER

Und mal wieder eine Band aus meiner lokalen Szene - und mal wieder nicht ohne Grund! Die Jungs von From Fall To Spring haben uns vor kurzem endlich mit ihrer Debut-EP beehrt, auf die - und ich bin sicher, dass ich da für einige Szenemitglieder aus der Gegend spreche - wir schon eine ganze Weile gewartet haben. Und um es kurz zu machen, das Warten hat sich gelohnt!

Mit A Better Tomorrow steht der Titeltrack gleich am Anfang der EP und stimmt den für Soundexperimente offenen Hörer erstmal mit fetten Synthiklängen ein. Hier werden sich wahrscheinlich bereits die Ersten ausklinken, für die "richtige" Musik keine Electronica-Elemente enthalten darf. Das ist selbstverständlich Geschmackssache, indiskutabel. Ich persönlich könnte dabei jedoch direkt anfangen, zu tanzen. Nur kann ich leider nicht tanzen, deswegen beschränkt sich das bei mir auf rhythmisches Mit-dem-Kopf-nicken.
Erbärmlich, ich weiß.
Trotz allem. Der Song nimmt nach wenigen Sekunden bereits grandios Fahrt auf und schon nach 40 Sekunden findet man sich im übelsten - und wirklich fantastischen! - Gegrowle von Frontnase Philip wieder. Wirklich ein ziemliches Brett. Der Synthi bleibt ein zentrales Element und mischt sich homogen unter die übrigen, wirklich gut abgemischten Instrumente. An dieser Stelle muss ich direkt mal vorgreifen und ganz ehrlich sagen - From Fall To Spring haben einfach Wiedererkennungswert. Durch die Verbindung von klassischen Elementen des Post-Hardcore mit einem fetten Electronica-Synthesizer weiß man einfach nach wenigen Sekunden, wen man da genau hört. Klar, tausendundeine andere Band haben schon Post-Hardcore und Electro gemischt - aber eben nicht so. Vergleichsbeispiel Born of Osiris - ja, auch ca. eine Million Death-/Metalcore-Bands haben bereits Electronic in ihren Liedern untergebracht - aber da ist es eben, nicht so. Man erkennt sofort, wer am Werk ist. Dicker Pluspunkt an dieser Stelle, und das zählt für die komplette EP.
Der Anschlusstrack Here Alone bereitet mir einige Schwierigkeiten, einfach weil er mir stilistisch weniger zusagt als der Rest der EP. Objektiv gesehen gibt es hier allerdings auch nichts zu bemängeln - die Produktion ist top, auch wenn sie an dieser Stelle für mein Gefühl eher ins punkige geht. Das ist interessant und sorgt für ungeheuer viel Abwechslung. Der Bass wummert gemütlich im Hintergrund, die Gitarren sind mitreißend und die Drums sind on point. Der obligatorische Synthi tut auch hier wieder seinen Dienst, und wieder tut er ihn gut.

Es folgen meine beiden Favoriten Never Meet Again und Sleepless. Ersterer klingt in Sachen Produktion erneut eine Spur punkrockiger als A Better Tomorrow - was prima ist, da er auch musikalisch in diese Richtung schlägt. Jedoch leistet auch hier Keyboarder Simon einen tollen Job und trägt wieder einen großen Teil zum einzigartigen Sound der Band bei. Der Refrain macht enorm Bock auf Liveshows (auf denen FFTS seit jeher zu überzeugen wissen!) und der Break - was soll ich sagen, der Break lädt zur völligen Eskalation ein. Ich bin wahrlich beeindruckt davon, wie sehr sich auch Philip in den letzten Jahren noch verbessert hat, egal, ob an der Scream-, Growl- oder Cleanfront. Chapeau.
Sleepless ist eins dieser Stücke, das direkt zum Mittanzen - an meiner Stelle wieder zum Nicken - einlädt. Durch einen unglaublich starken Refrain mit mitreißenden Drums und einem allgemein gemütlichen Gewand aus - na klar - Synthi und angenehm chuggenden Gitarren während der Strophen ist es hier quasi unmöglich, still stehen zu bleiben. Anstatt eines schon tausendmal dagewesenen Breakdowns entscheiden sich die Jungs auch hier wieder für einen groovenden Breakpart. Einfallslosigkeit oder Feigheit, was Experimente angeht, kann man den Herren wirklich nicht vorwerfen, dafür bieten sie keine Grundlage.

Should I Stay beginnt langsam und nachdenklich. Das Tempo variiert während des Songs nur geringfügig, wir haben hier einen der wahrscheinlich downtemposten (ja, das ist jetzt ein Wort) Songs, die die Band je zustande gebracht hat. Der Stimmung tut das absolut keinen Abbruch, im Gegenteil. Erneut steht der Song durch genau diesen Punkt in Kontrast zur restlichen Scheibe, an keinem Punkt wird sich hier wiederholt - abgesehen natürlich davon, dass man auf das übliche Schema bzw. Gewand der Songs zurückgreift. Aber das ist nun wirklich nichts, was man kritisieren sollte. Ansonsten müsste man Cannibal Corpse seit Jahren vorwerfen, dass die in jedem Song Gitarren, Drums, und Bass benutzen. Und sterbende Schweine. Das wäre kleingeistig.

Es folgt der letzte Song der Platte, Someone to Follow - und bei dem Gedanken daran, dass dieser sich bereits seit 5 (!) Jahren ununterbrochen auf meinem MP3-Player befindet, fühle ich mich alt. Jedoch spricht diese Tatsache meiner Meinung nach voll und ganz für die Qualität dieses Songs. Die Lyrics handeln von Schwarmdasein und laden zum Nachdenken ein, während die Gitarren und Drums ihrerseits zum Moshen und Tanzen (und Nicken, Anmerk. der Red.) einladen. Der Bass ummantelt das Gesamtwerk mit dem nötigen "Bauch", besser zu beschreiben ist es nicht.

Fazit: From Fall To Spring haben einen beeindruckenden Erstling abgeliefert. Der klingt musikalisch mal mehr nach Post-Hardcore, mal mehr nach Punk, und mal mehr nach Alternative - aber eben immer nach FFTS. Und gerade von dieser Tatsache können  und sollten sich haufenweise Bands und Musiker, die national und international bekannt oder bekannter als diese Jungs sind, eine dicke Scheibe abschneiden. From Fall To Spring haben sich eine musikalische Nische geschaffen, in die ich sonst keine andere Band stecken würde. Sie klingen eben wie sie, prinzipiell hätten sie das Genre auch From Fall To Spring taufen können. Power-Alternative tut's aber auch.
Anspieltipps: Lied 1-6

Eine absolut verdiente 10/10.

Montag, 8. Mai 2017

Dawnwatcher feat. Desiree Fery - Circles


Band: Dawnwatcher
Single: Circles (feat. Desiree Fery)
Genre: Metalcore
Release: 26.03.2017
Herkunft: Saarbrücken, GER
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Desiree Fery

Dawnwatcher, eine sehr junge Band aus Saarbrücken, haben es sich zur Aufgabe gemacht, Depressionen ins Blickfeld der Szene zu setzen. Denn, sind wir mal ehrlich, wer möchte schon was über dieses Thema hören? Psychische Erkrankungen sind unangenehm, und als jemand, der selbst unter Depressionen leidet (und sich nicht zu schade ist, dazu zu stehen), habe ich es bereits häufig erlebt, wie die Gesellschaft psychisch kranke Menschen einfach aufs Abstellgleis schiebt, sich abwendet, unangenehm und peinlich berührt ist, laut schweigt oder das Thema einfach lachend ignoriert. Es ist eben nicht wie bei einem Schnupfen, für den kann man ja nichts. Den hat man sich ja nicht ausgesucht, und der geht auch schnell wieder weg. Gibt ja was von ratiopharm. Depressionen sucht man sich ja anscheinend aus, und hat man sie einmal - dann ist man verrückt, ein Freak, und vor allem sofort ein potenzieller Selbstmörder oder Amokläufer. Und ratiopharm? Naja, selbst die lassen einen da im Stich. Allein schon um der Message willen ist es mir ein Bedürfnis, euch diesen Song hier zu präsentieren.
Sie selbst beschreiben ihre Musik als eine Mischung aus Post-Hardcore, Metalcore und Hardcore und ja, das kann man unterschreiben (ich hatte das Privileg, mich vor einigen Tagen live davon zu überzeugen) - für diesen Song halte ich jedoch den Stempel des Metalcore für angemessen. Der Song wechselt - ganz ähnlich, wie das auch bei einer Depression sein kann und häufig ist - zwischen einer "lockeren", verträumten Atmosphäre und gnadenlosen Riffs, begleitet vom verzweifelten, kraftvollen Geschrei von Sänger André. Desiree Ferys bezaubernde, engelsgleiche Stimme setzt diesem Werk das Sahnehäubchen auf und, ganz objektiv gesprochen, hebt es alleine durch die Umsetzung von den allermeisten Debutsingles ab. Durch die Verbindung dieser Mittel gelingt es der Band astrein, das Thema und meiner Meinung nach auch das Gefühl der Depression angemessen zu vermitteln. Nachdem ich mir das Lied heruntergeladen habe (wofür ich übrigens noch bezahlen werde, jedoch könnt ihr es euch auch gratis ziehen), lief es locker 30 Mal hintereinander.
Ich kann nur empfehlen - hört es euch an, beschäftigt euch mit dem Text, beschäftigt euch mit dem Thema. Reflektiert euer Verhalten. Wenn ihr jemanden kennt, der Depressionen oder andere psychische Krankheiten hat, stoßt ihn nicht aus. Bietet ihm oder ihr Unterstützung, Schutz.
Wenn du selbst Depressionen hast, dann öffne dich ihnen, will heißen - nimm sie an. Setze dich mit ihnen auseinander. Das soll nicht heißen, dass du dich von ihnen auffressen lassen sollst. Aber Verdrängung funktioniert kein ganzes Leben.
Depression is no weakness.
Das Lied ist eine perfekte 10/10.

PS: "Normale" Reviews werden nun fortgesetzt, ich hatte über die letzten 5 Wochen (!) keinen Internetzugang. Vorschläge werden weiterhin entgegengenommen.

Sonntag, 5. März 2017

Vitja - Digital Love


Band: Vitja
Album: Digital Love
Genre: Metalcore
Release: 03.03.2017
Herkunft: Köln, GER

Da ist es schon wieder - eine Band die ihren Stil um 180° ändert. Das haben Vitja getan. Während sie auf ihrem Debütalbum Echoes noch keine Gefangenen machten und bei Liveshows nahezu in jeder Venue die Decke zum Einsturz brachten, wurde mit der Your Kingdom EP ein synthesizerlastigerer Sound etabliert, der sich auf Digital Love weiterentwickelt und sozusagen seinen Kokon der Evolution verlassen hat. Dass das nicht jedem "alten" Vitja-Fan (zu denen ich selbst gehöre) gefällt, ist keine Frage und mehr als verständlich.

Jajaja, langweiliges Gerede, dude. But does it djent?

Yessss, das tut es. Also, irgendwie. Nicht auf die abgefuckte, stotternde, klassischere Art, wie es bei Clutch at Straws oder Strange Noises teilweise der Fall war - aber es djentet. Zwar nur partiell, aber das ist verzeihlich. Schließlich ist das Album einen Großteil der Zeit damit beschäftigt, den Hörer mit dicken Drum-, Bass- und Synthiparts zu überfluten und einzulullen. Die Gitarre bleibt hier zwar nicht auf der Strecke, nimmt aber in vielen Songs eine weniger dominante Rolle an. Und das ist verdammt okay, denn es gibt Vitja diesen ganz speziellen Sound, der sie von anderen Bands unterscheidet. Dieser wird nicht zuletzt auch geprägt von Sänger Davids abgefucktem Gebrüll, welches beispielsweise bei Scum und New Breed gut zur Geltung kommt. Scum, ein Feature mit den beiden Frontschweinen der Castrop-Rauxeler Kapelle Eskimo Callboy, klingt zugegebenermaßen mehr wie ein Song von deren Band mit einem Feature von Vitja. Ist nicht verkehrt, fühlt sich aber auch nicht wirklich richtig an. Auch wenn dieser Song meiner Vorfreude auf das Album einen enormen Dämpfer verpasst hat, kann ich Entwarnung geben - nach mehrmaligem Anhören findet man sich rein in die lyrische Dünnbrettbohrerei und sieht Scum als einen "okayen" Opener eines Albums, das sich zum Glück in eine völlig andere Richtung entwickelt hat. Mit großem Abstand Vitjas schwächster Song. Im Folgetrack D(e)ad finden sich, wie schon bereits in Scum, Synthesizer - und das nicht zu knapp. Ein von Glockenspielklängen begleitetes Intro, das zugleich noch einen so massiven Groove und eine Tanzbarkeit ausstrahlt, habe ich schon seit einigen Jahren nicht mehr gehört, wenn überhaupt schon mal. Im Refrain findet sich hier Klargesang, der mich wirklich überzeugt. Während der Strophen wird weiterhin munter drauf los gebrüllt, bis der Song plötzlich nach dem Refrain einen unerwarteten, aber nicht unwillkommenen Synthibreak auspackt, der zwar den Groove und den Drive unendlich ausbremst, aber auf der anderen Seite auch intelligent platzierte Abwechslung bietet. Nice.

Der Song endet erneut im Glockenspiel und anschließen tut sich das bärenstarke No One As Master No One As Slave. Dieser Gedankengang scheint für den Schreibling dieser Band eine wichtige Bedeutung zu haben, fand er sich doch schon im Lied Sleeping In Snow. Hier allerdings zeigt sich die Facette, die Vitja die größte Kritik einbringt - Downtempo, ein vom Bass und Klargesang getragener Track mit nachdenklichen Lyrics. Erneut weiß David Beule mit seinem Gesang zu überzeugen und ich bekomme bei jedem Durchhören eine erneute Gänsehaut, wenn der Refrain zuschlägt. Das Drumming nimmt sich hier eine kleine Pause, bleibt unaufdringlich und locker, ist dabei aber on point und untermalt die aggressive Melancholie, die dieser Song verkörpert, perfekt. Den stärksten Refrain des Albums findet man allerdings im ebenfalls ruhigen, langsamen Track Heavy Rain - wenn es nicht sogar der beste Refrain ist, den Vitja je geschrieben haben. Hier präsentieren sich Vitja in einem Gewand, das dem von NOAMNOAS gleicht und beweisen, WIE gut sie mit Synthesizern und Samples umgehen können - denn auch nach weit mehr als 30 Durchgängen jagt mir das kurze Sample vor dem ersten Refrain jedes Mal einen Schauer über den Rücken.

Allerdings wäre es eine Schande, Roses unerwähnt zu lassen. Ein sehr persönlich wirkender Track, der tatsächlich schneller too close to home zuschlägt, als man sich dessen erwehren kann. Allerdings verliert man bei all der Melancholie an keinem Ende je den Groove aus den Augen - gerade hier glänzt die 8-String von Vladimir Dontschenko mit ihren simplen, aber effektiven Einlagen. Aus wenig Einsatz eine bombastische Atmosphäre zu schaffen ist eine Kunst, die bei weitem nicht alle Bands beherrschen, die diese Praxis anwenden. Vitja allerdings machen an dieser Front einen fantastischen Job und gerade bei Roses kann ich mir die Live-Crowd schon bei den Sing-along-Parts vorstellen. Der Titeltrack Digital Love ist von enttäuschend platten Lyrics, weiß ansonsten aber mit dem sich bewährenden Prügel-Groove-Konzept zu überzeugen. Der Anschlusstrack Six Six Sick schlägt erneut mit dem Quartzgroovehandschuh zu und liefert einen fantastischen Gangshoutrefrain sowie einen unerwartet heftigen Brüllaffenpart. Eins der ganz klaren Flaggschiffe des Albums.

The Golden Shot erinnert mich zu Beginn zwar sehr an BMTHs Chelsea Smile, dies tun jedoch so viele Songs, dass ich hier keinen bewussten Diebstahl unterstellen möchte. Lyrisch spricht mich dieser Song sehr an, ebenso ist die Kombination von Brüll- und Klargesang hier wieder fantastisch umgesetzt. Die Strophen werden von einem virtuosen Bass getragen, die Gitarre mischt sich an dieser Stelle wieder dezent drunter. Mit Find What You Love and Kill It und In Pieces finden sich zwei weitere fantastische Tracks, die von Synthesizerklängen dominiert und getragen werden, Find What You Love and Kill It erinnert mich vocaltechnisch sehr stark an Stücke des aktuellen BMTH-Albums - von dem ich ein großer Fan bin. Sykes lässt grüßen, ich ziehe meinen Hut vor Beule. In Pieces liefert erneut fantastische Samplearbeit, nichts wirklich neues - aber so sample wie genial.
Verzeihung.

The Flood beginnt mit einem sehr interessanten Intro, von dem ich mir in diesem Song mehr gewünscht hätte. Stattdessen verfällt man wieder in langsames Gechugge - das ist nicht schlecht, keinesfalls. Nur es hätte besser sein können. Allerdings ist das Drumming hier erneut exzellent und bietet viele Runden lang immer wieder interessante Momente. I'm Sorry fährt stabil auf der Schiene, die Vitja mit diesem Album einschlagen und überzeugt erneut durch die Synthi-Atmosphäre. New Breed ist ein Biest von einem Song und wird von den Drums aufs perverseste gepusht, daneben verblassen die übrigen Instrumente des Albums. Keine Frage, hier wurde genau das produziert, was die Jungs erschaffen wollten, das hört man der Scheibe an. Digital Love hat absolut nichts mit Echoes zu tun, und du wirst es lieben oder hassen. Hier liegt eines dieser Alben vor, die man meiner Meinung nach unmöglich "okay" finden kann, wenn man sich damit auseinandersetzt. Die Songs sind klar voneinander unterscheidbar, spätestens nach zehn Sekunden erkennst du - ach warte, das ist Song XY. Keine Frage. Wenn man von dem schwachen Opener absieht, liegt hier ein Brett von einem Album vor. Die teilweise schwachen Lyrics verzeiht man der Band irgendwie - dafür sind die einzelnen Lieder ZU gut.
Anspieltipps: NOAMNOAS, Roses, Six Six Sick, Find What You Love and Kill It, In Pieces, New Breed

Rating: 9/10

Mittwoch, 1. März 2017

dangerkids - blacklist_


Band: dangerkids
Album: blacklist_
Genre: Post-Hardcore / Rock
Release: 27.01.2017
Herkunft: Dayton, Ohio, USA
Rating: 7/10

Das mit dem erwachsen werden ist schon so 'ne Sache. Und, gerade wenn man es Bands attestiert, nicht immer zwingend eine positive. Anders sieht es bei den dangerkids aus - im Vergleich zum Vorgängeralbum Collapse merkt man hier eine deutliche Entwicklung. Zwar ist man damit wie zu erwarten nicht in den Bereich der musikalischen Innovation vorgestoßen, aber auch nicht in die "oh, das kenn' ich doch schon von ner Million anderen Bands besser"-Sparte abgefallen. Und das alleine ist schon eine Leistung, die zu würdigen man sich die Zeit nehmen sollte.

Im Großen und Ganzen ist die Band ihrem Stil erfreulicherweise treu geblieben und stellt damit eine Art härteres Linkin Park der frühen 2000er Jahre dar. Wer also schon mit Hybrid Theory nichts anfangen konnte, sollte von dangerkids unbedingt die Finger lassen. Es gibt Rap-Parts, es gibt Clean Vocals von gleich zwei Sängern, und es gibt eben auch Screams. Dazu gibt es dicke Synthesizer-Parts, auf denen die Songs schwimmen. Die einfach gehaltenen Gitarre und Bass nehmen dabei größtenteils eine eher hintergründige, begleitende Rolle ein - zumindest für einen Löwenanteil der einzelnen Songs, bis es dann zu so etwas wie Breakdowns kommt. Stets präsent sind die Drums, an dieser Stelle Kompliment an Schlagzeugerin Katie Cole. Das Drumming passt hervorragend in die einzelnen Songs, drängt sich nicht zu sehr in den Vordergrund, nimmt sich zeitweise (z.B. bei Crawl Your Way Out) sogar sehr zurück. Innovativ getrommelt wird hier zwar zugegebenermaßen nicht, aber auf einem soliden Level.
Mit Crawl Your Way Out sind wir auch schon bei meinem Favoriten des Albums, mit einem sehr persönlich wirkenden Text, den bereits erwähnten Synthesizerwänden und schönen Effekten auf den Vocals - z.B. widerhallenden Echo-Vocals im Hintergrund. Ein Song mit klanglicher Tiefe.

Generell wirkt die Band auf vielen Teilen des Albums sehr ehrlich und nachdenklich, ein anderes Beispiel hierfür ist Inside Out, welches sich mit einem Thema und Gefühl befasst, das denke ich viele von uns kennen. Innerer Zerrissenheit im Bezug auf Liebe. Das soll unter die Haut gehen, und das tut es. Das Rezept aus Lyrics und Komposition funktioniert hier bestens. Chapeau dafür, auch wenn man hier mal wieder eben nichts Neues hat. dangerkids sind Meister dieser speziellen Sparte der Kunst, diese Art von Musik authentisch rüber zu bringen - ob es nun tatsächlich Biografiearbeit ist oder nicht, darüber will ich nicht urteilen. In Things Could be Different wird das Tempo mal ordentlich angezogen, die Gitarre tritt in den Vordergrund und... es gibt Group Shouts. War zu erwarten, hätte aber nicht gemusst. Der Song wäre gut ohne sie ausgekommen. Live wird es allerdings mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit wie geplant aufgehen, generell sehe ich bei Things Could be Different schon die Moshpits der zahlreichen Festivals vor mir, auf denen dangerkids auch dieses Jahr wieder spielen werden.

Etwas ruhiger wird es wieder mit Ghost In the Walls und Nothing Worth Saving. Ersteres beginnt mit schön gelayerten Synthiklängen, zu denen sich dann langsam Drums und Gitarre dazu gesellen. Kurz darauf wird der Song lauter und lässt den Hörer noch ein paar Takte lang in diesem Intro verweilen. Es geht überraschend entspannt weiter, Bass und Drums, schöner Refrain mit Gitarre. Sahniger Downtempo-Song, manchem Zuhörer dürfte es hier aber ein wenig langweilig werden. Der Rap-Part reißt eine Kerbe in den Song und bringt die Abwechslung, auf die ich gewartet habe. Das muss man mögen, das ist indiskutabel. Nothing Worth Saving verfährt nach demselben Prinzip, variiert lediglich die Reihenfolge der auftretenden Instrumente ein wenig, funktioniert aber auch. Man wirkt wieder ehrlich. Man wiederholt sich halt, aber das ist okay. Bricht dem Album kein Bein. Singularity ist.... da - ich verstehe nicht, warum man diese 35 Sekunden Synthi nicht einfach gleich in Summoner's Rift integriert hat, aber okay. Man wollte wohl 11 Songs, denn als wirkliche Interlude kann man es nicht ansehen. An sich machen Summoner's Rift und Glass On Water nichts gravierend falsch, man stickt eben an dem Rezept, das sich bewährt hat, Lyrics hat man schon huntert Mal so oder so ähnlich gehört - aber läuft prima durch. Hinterlässt nur einfach nicht den bleibendsten Eindruck, lediglich das Solo in Glass on Water ist ein kleiner Glanzpunkt.

Invincible Summer ist so eine Sache. Wer Unmade vom Collapse-Album mochte, wird es wahrscheinlich lieben, wer Unmade nicht mochte, wird es, so wie ich, eher nach dem ersten Anhören auslassen. Es ist objektiv, rein von der Sache her kein schlechter Song, mir persönlich nur viel zu schnulzig. Jedoch unterscheidet er sich vom Rest des Albums dadurch, dass hier auf E-Gitarren und Getrommel verzichtet wird, lediglich eine Akustikgitarre begleitet die astreinen, kristallklaren Clean Vocals. Schön, dass an dieser Stelle die Abwechslung bedient wurde.

dangerkids machen keine großen Fehler. Es wird sich brav ans Rezept gehalten, die Fans bekommen die Musik, die sie auf dem Debüt gefeiert haben. Das ist, in Zeiten von drastischen Änderungen in der Musik vieler Bands, schön und erfreut mich als Freund von Collapse sehr. Abwechslung sucht man hier, abgesehen vom letzten Track, vergeblich. Schön klingen tut die Soße trotzdem.