Sonntag, 18. Juni 2017

Oceano - Revelation


Band: Oceano
Album: Revelation
Genre: Deathcore
Release: 18. Mai 2017
Herkunft: Chicago, Illinois, USA
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Zugegebenermaßen wurde es für diese Review Zeit - und zugegebenermaßen bin ich zur Zeit etwas inaktiver, nicht, weil ich keine Musik hätte, die ich reviewen könnte oder wollen würde, sondern weil es mir aus beruflichen bzw. ausbildungsbedingten Gründen in den letzten Wochen nicht möglich war. Jedoch - sind diese nun vorbei.
Ich gestehe, dass mein Interesse an Oceano nach ihrem Zweitgeborenen (Contagion) extrem abgenommen hat, da man sich im Vergleich zum Vorgänger einfach kein Stück weiterentwickelt hatte. Nachdem dann die erste Single Slow Murder vom dritten Kind Incisions auch noch so enttäuschend war, hatte ich diese Band in den Schrank befördert und - wenn überhaupt mal - Depths gehört. Nachdem nun aber Anfang dieser Woche ein Auto an meiner Wohnung vorbei fuhr, dessen Insasse laut Skrillex' Bangarang hörte, und ich spontan darüber nachdachte, mich umzubringen, entschied ich mich, den Mannen noch eine Chance zu geben - allen voran, weil mir im Kopf geblieben war, dass Vocalist Adam Warren wie ein verdammter Panzer klingt.

Das Weiterleben hat sich gelohnt, diese Erkenntnis fiel mir schon beim Opener Dark Prophecy zu. Ein kurzes, sphärisch anmutendes Intro mündet in diesen knochenmarkschmelzenden Growls und einem Doublebassgewitter. Enorm krass. Auffällig ist hier sofort, dass hier einer der uptemposten (auch das ist jetzt ein Wort) Songs der neuen Scheibe vorliegt, der sich aber nicht scheut, das Tempo zugunsten grauenvoll intensiver Breakdowns rauszunehmen. Der sphärisch anmutende Chor bleibt erhalten und erzeugt in etwa die Stimmung, die auch auf dem Albumcover zu sehen ist. Das ist fett und - bleibt das Album über so. Gerade in Lucid Reality wird die Atmosphäre sekundenlang von diesem flimmernden Untergangsorchester getragen, bis die Gitarren und das Monster Adam wieder übel reingrätschen. Deathcore hat, gerade zur Zeit wieder, viele gute Vokalisten. Ben Duerr (Shadow of Intent), Dickie Allen (Infant Annihilator), Alex Teyen (Black Tongue), Tom Barber (Lorna Shore) und Dan Watson (Enterprise Earth, Infant Annihilator) zum Beispiel, um nur einige zu nennen. Jedoch zählt Adam Warren mit den hier genannten definitiv zur absoluten Spitze. Dieser Mann erzeugt Geräusche, die erwiesenermaßen einen derart hohen Infraschallanteil haben, dass sie afrikanische Elefanten zum Genozid anstacheln (die Studie kann ich hier nicht verlinken, da ich sie mir grade ausgedacht hab). Stellt man sich die Tonleiter als das World Trade Center vor und ordnet eine in Standard-E-Tuning gestimmte Gitarre in etwa im 50. Stockwerk ein, so findet man die Gitarren der Oceano-Männer in der Tiefgarage. Was mir als Bassliebhaber eine große Freude bereitet, ist der klangliche Spielraum, den man ebenjenem Instrument hier gelassen hat - ein gutes Beispiel dafür bietet Path to Extinction. Zwischen den malmenden Klampfen und dem wütenden Monstermann kann sich das Gedeaodeaodeao noch erfolgreich gegen die Drums bemerkbar machen - und wer diese Onomatopoesie doof findet, kann gerne zu metal.de gehen.

Da gibt's nämlich Reviews für humorlose Nudeln wie dich.

Gerade als ich mich damit abgefunden hatte, hier wohl ein Downtempo-Album zu hören - und das war nach Path to Extinction berechtigterweise der Fall - begann The Great Tribulation und walzte all meine Erwartungen nieder. Blastbeats, Doublebassgewitter, Blutmond, meine... Güte. Über allem levitiert weiterhin der sphärische Choral der Apokalypse und - nein, er nervt nicht. Er tut's einfach nicht. Was er tut, ist schnell erklärt - er hebt Revelation aus der breiten Masse der Deathcore-Alben raus, die man zwar gut finden kann, die man jedoch bereits nach der Hälfte nicht mehr so wirklich hört, weil irgendwie alles gleich klingt, Hauptsache brutal und schnell und Blastbeats und.... generisch. Auch wenn Oceano an ihrem Grundrezept hier nicht viel verändern, pusht diese Keyspur ihre musikalischen Grenzen meilenweit und schafft es somit, das Album direkt um ein Vielfaches einprägsamer zu machen. Das ist Kunst.

Illusions Unravel setzt den Downtempo-Trend fort, geizt dabei aber nicht mit Doublebass-Attentaten und im Rahmen interessant variierenden Vocals. Majestic 12 knüpft nahtlos an und lässt mir bereits bei den ersten Gitarrenklängen die Nackenhaare zu Berge stehen. Neben einem fantastischen Bassdrop findet sich hier auch einer der am lässigsten eingebauten, langsamen Breakdowns, den Deathcore in den letzten Jahren erleben durfte. Sollte ich diese Band jemals live erleben dürfen, wäre Majestic 12 der Song, der mich alles zerlegen ließe. Ich behaupte sogar, dass die Band mit diesem Song District of Misery übertroffen hat - und zwar um Längen. Mit Final Form schließt sich gnädigerweise ein Instrumental an, denn so langsam wird die Platte anstrengend. Dies ist nicht negativ auszulegen, sondern durchaus positiv. Ich liebe Alben, während denen ich mich nach einer kurzen Pause sehne - diese treffen genau meinen Grad der Brutalität.
Das Intrumental kann hier und da schonmal eine Architects-Assoziation aufflackern lassen, ist allerdings absolut stimmig und auch perfekt platziert. Wer C.A.N.C.E.R. kennt (und wer tut das nicht?), wird die "der Himmel brennt und stürzt über dir zusammen"-Stimmung hier wiedererkennen. Großes Kino, wenn nicht sogar in einen Atemzug mit Meisterwerken wie Pouring Reign (As Blood Runs Black) zu fassen. The Event trägt musikalisch eine Tragik in sich, die auch lyrisch vermittelt wird, berichtet der Song doch vom Ende der Welt und der Existenz aller, die von den Majestic 12 (den "Ascendants") als unwürdig betrachtet werden. Ich empfehle es einem jeden story-affinen Hörer, sich mit den Lyrics des Albums auseinanderzusetzen.

Human Harvest alterniert zwischen Prügel- und Schlepp-Passagen und stellt einen weiteren Apex des Albums dar, sowohl lyrisch als auch musikalisch. Das Gewitter, das hier herniederregnet, muss man erst einmal verkraften können. Der Abschluss- und Titeltrack klingt beizeiten schon groovy und rockig, jedoch nie mehr als eine Armlänge vom Oceano-typischen Deathcore-Gebretter entfernt. Man hat sich hier ordentlich Mühe gegeben und ein Album abgeliefert, an dem es objektiv nicht viel auszusetzen gibt. Was man bemängeln kann, ist die leichte Gleichförmigkeit, was die Vocals und Songstrukturen angeht - jedoch ist das Gemecker auf dem höchsten aller Niveaus. Ich bin immer ganz froh, wenn mir nicht plötzlich ein Trompetenspieler oder ein Falsett meinen Deathcore vermiest.
Ich empfehle dieses Album und gebe ihm objektive 9/10 Punkte.
Anspieltipps: Dark Prophecy, Lucid Reality, Majestic 12, The Event

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