Band: Lorna Shore
Album: Flesh Coffin
Genre: Deathcore
Release: 17.02.2017
Rating: 9.5/10
Hätte man im Hause Suicide Silence mal das neue Lorna Shore Album ausgecheckt, hätte man mit Sicherheit nochmal über die Aussage, dass "Deathcore stirbt, wenn Bands weiterhin das tun, was sie tun" (sinngemäßes Zitat von Eddie Hermida) nachgedacht. Denn was hier geliefert wird, ist abartig. Ein Geballer, ein Gebrülle, ein Losgezwiebel an allen Instrumenten, dass die Augen tränen. Dick produziert von vorne bis hinten und mit saftigen, atmosphärischen Synthiklängen untermalt.
Bereits mit dem Opener Offering of Fire treten Lorna Shore ihren Fans ordentlich ins Gesicht. Nach einem kurzen, unheilig anmutenden Intro geht es direkt in einem halsbrecherischen Tempo in die Vollen und es wird schnell klar, was einen hier erwartet - absolute Zerstörung allerhöchster Güte. Der Hörer wird ähnlich resolut zerbombt wie Dresden 1945. Lorna Shore gehen keine Kompromisse ein, Tom Barber brüllt, grunzt und schreit sich konsequent über 45 Minuten die Seele aus dem Leib. Das Drumming und die Gitarren rauschen so schnell vorbei, dass sie bei einem illegalen Straßenrennen in Berlin locker lebenslänglich kassieren würden - bis(s) zum Breakdown. Direkt der erste davon ist ein richtiger Hardhitter, schlägt den Unglücklichen, die diese noch haben, die Weisheitszähne locker raus und wird für Auslöschungsszenarien in den Moshpits dieser Welt sorgen. Offering of Fire ist eines dieser Lieder, die beinahe die 6 Minuten voll machen, dir dabei jedoch keine Sekunde Zeit geben, um gelangweilt zu sein oder dich zu fragen, wann der Song denn endlich vorbei ist.
Denounce the Light macht genau dort weiter, wo Offering of Fire aufhört - und das nicht nur musikalisch, sondern auch lyrisch. Das Album erzählt die Geschichte eines Unglückseligen, vom Leben gebeutelten. Mehr möchte ich an dieser Stelle nicht verraten und kann stattdessen nur empfehlen, sich den Lyrics entweder hinzugeben oder - falls nötig - sie mitzulesen. Wunderschöne, kurze Orchestralparts setzen immer wieder Akzente in den Songs oder untermalen diese mit der richtigen Portion Chaos und Unheiligkeit. Fett. Denounce the Light ist in dieser Hinsicht ganz weit vorne - ein dicker Nackenbrecherbreakdown und dabei ein kurzer Synthibreak, hier wird keine Gnade gezeigt. Folgend ein technisch anspruchsvolles, wunderbares Solo und direkt wieder aufs Maul.
Die Brutalität der ersten beiden Songs lässt, wie zu erwarten war, in keiner Sekunde des Albums auch nur annähernd nach. Während Fvneral Moon zwar sehr melodisch und atmosphärisch ist, behält es trotzdem diese Urgewalt bei, die Lorna Shore auszeichnet und sie in eine Schublade der Erstklassigkeit hebt, in der sich nur ganz wenige Genrekollegen befinden. Ich spreche hier beispielsweise vom aktuellen Carnifex und Science of Sleep Material, wobei beide Bands größtenteils auf die Atmosphärensynthis verzichten.
Auch hier kann man argumentieren, dass das Rad nicht neu erfunden wurde. Ja, das ist wahr. Lorna Shore tun das, was sie schon auf Maleficium und Psalms getan haben - beides erstklassige Werke -, nur eben in besser. Tom Barbers Leistung gehört zu dem abartigsten, das ich im Deathcore seit einiger Zeit gehört habe - und erneut muss ich ihn auf eine Stufe, wenn nicht sogar einen halben Schritt über Scott Lewis von Carnifex stellen. Das Rad wurde hier nicht neu erfunden, ja. Aber es ist (mindestens) das Rad eines Monstertrucks und wurde mit in Säure gehärtetem Stacheldraht umwickelt. Barbed wire violence. In sich sind die Songs abwechslungsreich und klar voneinander zu unterscheiden, hier wurde also nicht brav drauflosge0815t. Flesh Coffin ist ein akustisches Massaker und reicht in Sachen Brutalität mindestens an Whitechapels The Somatic Defilement heran.
Mehr bleibt hier nicht zu sagen - die Songs sind von einer überwältigenden Qualität. Die Produktion ist wie bereits erwähnt königsgleich, alle Instrumente wurden angemessen abgemischt und haben Momente, in denen sie herausstechen und glänzen. Lediglich bei Offering of Fire hätte ich mir das Verhältnis von Instrumenten und Vocals etwas anders gewünscht, da mir letztere manchmal etwas zu hintergründig erscheinen.
Absolut zu empfehlendes Album. Ich geh dann mal wieder toten Deathcore hören, der kein Nu Metal ist. Cheers.
Anspieltipps: Denounce the Light, Fvneral Moon, Void, Infernum, Flesh Coffin.



