Dienstag, 28. Februar 2017

Lorna Shore - Flesh Coffin


Band: Lorna Shore
Album: Flesh Coffin
Genre: Deathcore
Release: 17.02.2017
Rating: 9.5/10

Hätte man im Hause Suicide Silence mal das neue Lorna Shore Album ausgecheckt, hätte man mit Sicherheit nochmal über die Aussage, dass "Deathcore stirbt, wenn Bands weiterhin das tun, was sie tun" (sinngemäßes Zitat von Eddie Hermida) nachgedacht. Denn was hier geliefert wird, ist abartig. Ein Geballer, ein Gebrülle, ein Losgezwiebel an allen Instrumenten, dass die Augen tränen. Dick produziert von vorne bis hinten und mit saftigen, atmosphärischen Synthiklängen untermalt.

Bereits mit dem Opener Offering of Fire treten Lorna Shore ihren Fans ordentlich ins Gesicht. Nach einem kurzen, unheilig anmutenden Intro geht es direkt in einem halsbrecherischen Tempo in die Vollen und es wird schnell klar, was einen hier erwartet - absolute Zerstörung allerhöchster Güte. Der Hörer wird ähnlich resolut zerbombt wie Dresden 1945. Lorna Shore gehen keine Kompromisse ein, Tom Barber brüllt, grunzt und schreit sich konsequent über 45 Minuten die Seele aus dem Leib. Das Drumming und die Gitarren rauschen so schnell vorbei, dass sie bei einem illegalen Straßenrennen in Berlin locker lebenslänglich kassieren würden - bis(s) zum Breakdown. Direkt der erste davon ist ein richtiger Hardhitter, schlägt den Unglücklichen, die diese noch haben, die Weisheitszähne locker raus und wird für Auslöschungsszenarien in den Moshpits dieser Welt sorgen. Offering of Fire ist eines dieser Lieder, die beinahe die 6 Minuten voll machen, dir dabei jedoch keine Sekunde Zeit geben, um gelangweilt zu sein oder dich zu fragen, wann der Song denn endlich vorbei ist.
Denounce the Light macht genau dort weiter, wo Offering of Fire aufhört - und das nicht nur musikalisch, sondern auch lyrisch. Das Album erzählt die Geschichte eines Unglückseligen, vom Leben gebeutelten. Mehr möchte ich an dieser Stelle nicht verraten und kann stattdessen nur empfehlen, sich den Lyrics entweder hinzugeben oder - falls nötig - sie mitzulesen. Wunderschöne, kurze Orchestralparts setzen immer wieder Akzente in den Songs oder untermalen diese mit der richtigen Portion Chaos und Unheiligkeit. Fett. Denounce the Light ist in dieser Hinsicht ganz weit vorne - ein dicker Nackenbrecherbreakdown und dabei ein kurzer Synthibreak, hier wird keine Gnade gezeigt. Folgend ein technisch anspruchsvolles, wunderbares Solo und direkt wieder aufs Maul.

Die Brutalität der ersten beiden Songs lässt, wie zu erwarten war, in keiner Sekunde des Albums auch nur annähernd nach. Während Fvneral Moon zwar sehr melodisch und atmosphärisch ist, behält es trotzdem diese Urgewalt bei, die Lorna Shore auszeichnet und sie in eine Schublade der Erstklassigkeit hebt, in der sich nur ganz wenige Genrekollegen befinden. Ich spreche hier beispielsweise vom aktuellen Carnifex und Science of Sleep Material, wobei beide Bands größtenteils auf die Atmosphärensynthis verzichten.
Auch hier kann man argumentieren, dass das Rad nicht neu erfunden wurde. Ja, das ist wahr. Lorna Shore tun das, was sie schon auf Maleficium und Psalms getan haben - beides erstklassige Werke -, nur eben in besser. Tom Barbers Leistung gehört zu dem abartigsten, das ich im Deathcore seit einiger Zeit gehört habe - und erneut muss ich ihn auf eine Stufe, wenn nicht sogar einen halben Schritt über Scott Lewis von Carnifex stellen. Das Rad wurde hier nicht neu erfunden, ja. Aber es ist (mindestens) das Rad eines Monstertrucks und wurde mit in Säure gehärtetem Stacheldraht umwickelt. Barbed wire violence. In sich sind die Songs abwechslungsreich und klar voneinander zu unterscheiden, hier wurde also nicht brav drauflosge0815t. Flesh Coffin ist ein akustisches Massaker und reicht in Sachen Brutalität mindestens an Whitechapels The Somatic Defilement heran.

Mehr bleibt hier nicht zu sagen - die Songs sind von einer überwältigenden Qualität. Die Produktion ist wie bereits erwähnt königsgleich, alle Instrumente wurden angemessen abgemischt und haben Momente, in denen sie herausstechen und glänzen. Lediglich bei Offering of Fire hätte ich mir das Verhältnis von Instrumenten und Vocals etwas anders gewünscht, da mir letztere manchmal etwas zu hintergründig erscheinen.
Absolut zu empfehlendes Album. Ich geh dann mal wieder toten Deathcore hören, der kein Nu Metal ist. Cheers.

Anspieltipps: Denounce the Light, Fvneral Moon, Void, Infernum, Flesh Coffin.

Montag, 27. Februar 2017

Suicide Silence - Suicide Silence


Band: Suicide Silence
Album: Suicide Silence
Genre: Nu Metal / Alternative Metal / Death Metal
Release: 24.02.2017
Herkunft: Riverside, Kalifornien, USA
Rating: 2/10

Ich habe mich schon immer gefragt, wie es klingt, wenn ein Hummer gekocht wird.
Da gibt es diese Band, Suicide Silence. Die haben mal ein Album raus gebracht, das hieß The Cleansing. Das fand mein 14-jähriges Ich ganz ganz toll, denn es war eins der ersten härteren Alben, die es kannte. Das zweite Deathcore Album nämlich (das Erste war As Blood Runs Blacks Meisterwerk Allegiance... hach ja). Mein 14-jähriges Ich hat sich damals 5 Stunden in seinem Zimmer verbarrikadiert und The Cleansing rauf und runter gehört, angefangen, diese Band zu lieben. Dies nur als kleine Vorgeschichte, um meine Begeisterung für die Band Suicide Silence auszudrücken.

Disclaimer: ich werde hier keine Vergleiche zu Korn oder Deftones fallen lassen, schon alleine, da ich diese Bands viel zu wenig (bis gar nicht) höre, um mir darüber eine fundierte Meinung bilden zu können.

Ich habe kein Problem mit Veränderungen. Wirklich nicht. Ich kann über den Tellerrand hinaus blicken, ich kann neue Einflüsse würdigen, ich kann sie auch mögen. Was dabei mein Kriterium darstellt, ist schlichtweg die Umsetzung. Es gibt Bands, die machen gute Musik - und es gibt Bands, die machen schlechte Musik. Das gibt es im Hardcore, im Rock, im Jazz - und eben auch im Deathcore. Für mich ist Suicide Silence mit diesem Album zu einer Band geworden, die schlichtweg schlechte Musik macht. Ganz unabhängig davon, welchem Genre man sie nun zuordnen möchte. Scheiß auf Genres. Suicide Silence haben sich selbst einen qualitativen Standard geschaffen, an dem sie sich nun mal leider messen lassen müssen. Kurzum: selbst, wenn sie nun Jazz spielen würden, könnten sie es gut machen - oder eben so, wie sie es auf Suicide Silence tun.

Doris ist ja mittlerweile schon nicht mehr ganz so neu, jedoch konnte ich mich immer noch nicht damit anfreunden - an diesem Song stört mich kurz gesagt einfach ALLES. Es beginnt bereits VOR dem eigentlichen Song, ich habe einfach keine Lust, mir Zwischengespräche aus dem Studio anzuhören. Aber das ist verkraftbar. Jedoch geht es weiter mit Eddies amateurhaft und schmerzhaft klingenden Screams (ganz ehrlich, so klang ich in etwa, als ich gerade mit Screaming angefangen hatte), dem uninspiriertesten Drumming, das ich seit langem gehört habe (und das setzt sich leider durch einen Großteil des Albums fort, an dieser Stelle Cheers an Drummer Alex), den - zwar irgendwie groovenden, dabei aber entsetzlich aufgesetzt wirkenden - Riffs und letztendlich selbstverständlich diesen grausamen Stöhn-Vocals im Refrain, die mich selbst nach dem zehnten Anhören noch belustigen. Silence sticht leider genau da erneut zu, wo Doris aufgehört hat, und ehrlich gesagt - viereinhalb Minuten tatsächliche Stille wären qualitativ hochwertiger gewesen. Zumal Hermida den Song direkt wieder mit seinen Stöhn-Vocals beginnt und böses Lachen nur dann cool ist, wenn es von Disturbed-Sänger David Draiman kommt. Das Drumming bleibt platt und langweilig, die Riffs chuggen lieblos vorbei. Kurz nach der dritten Minute keimt die Hoffnung auf, das Lied sei vorbei - nein.
Listen bleibt zu großen Teilen genauso langweilig wie seine beiden Vorgänger. Zu Beginn hatte ich Hoffnung für den Song - ein Riff, wie es sich auch auf Slipknots Iowa hätte befinden können, und ein Coreytayloresquer Scream - das war's dann aber auch schon wieder. Der Song startet stark, fällt aber schon nach weniger als einer Minute in die große Langeweile ab. Das kann auch das schicke Solo knapp hinter der 2-Minuten-Marke nicht retten. Irgendwo nach vier Minuten wird es zum ersten Mal auf dem Album tatsächlich interessant, der Bass und die Drums schaffen mal so etwas wie einen guten Rhythmus -  warum nicht mehr davon? An dieser Stelle möchte ich den Bass jedoch lobend erwähnen, der auf großen Teilen des Albums das Highlight darstellt. Der Song provoziert während der fünfeinhalb Minuten Spielzeit erneut Langeweile, spätestens nach dem zweiten oder dritten Durchgang ist auch hier die Luft raus.
Auf Dying In a Red Room war ich sehr gespannt, da der Song in Vorabreviews teilweise sehr gelobt wurde - und ja, Hermida beweist hier, dass er tatsächlich singen kann. Auch hier schwingt ein dermaßen starker 2001-Slipknot-Vibe mit und das Drumming während der Strophen enthält interessante Elemente. Enttäuschend ist hier der monotone, scheinbar lieblos hingeklatschte Chorus - und kurz nach dem zweiten davon hat sich offenbar eine Biene in die Aufnahme geschlichen und betäubt mein rechtes Ohr mit ihrem Gebrumme. Schrecklich. Ab Minute 4 beginnt das Outro, es soll wohl leicht psychedelisch anmuten - wirkt aber leider mehr, als wäre die Band einer kollektiven, schweren geistigen Behinderung verfallen. Allen voran Hermida. Was man sich hierbei gedacht hat, hinterfrage ich bewusst nicht mehr.
Ich habe mich schon immer gefragt, wie es klingt, wenn ein Hummer gekocht wird. Nicht, dass ich es wirklich ernsthaft hätte wissen wollen, aber nach den gequälten.. pig-squeal-esquen Einlagen, Grunzern und High Screams in Hold Me Up, Hold Me Down habe ich davon leider eine gute Vorstellung. Der Song ist in etwa so aufregend wie ein unbeschriebenes Blatt DIN-A4-Papier und langweilt - leider - erneut mit seiner Dauer. Bis zum Chorus passiert im Folgetrack Run schlichtweg - nichts. Und auch dort wirkt Suicide Silence wie eine von Slipknot inspirierte Garagenband und Hermida erneut wie ein zweiter Corey Taylor. Dieser Song besteht quasi aus 2 Parts, die einfach ein paar Mal hintereinander klamüsert wurden - und ja, auch das kann funktionieren und tut es oft. Hier jedoch nicht, es langweilt und macht mich ein wenig traurig.
The Zero beinhaltet nach etwas über vier Minuten tatsächlich eine gute (ZU KURZE!) Passage, die in etwa meine Gefühle beim Anhören dieses Albums zusammenfasst. Und schon während der ersten Minute von Conformity fühle ich mich so in die Stone Sour Ecke geprügelt, dass ich nervöse Zuckungen bekomme. Der Song plätschert und klimpert vorbei wie ein kleiner Frühlingsbach, Hermida beweist erneut seine Gesangskünste - aber was hier fehlt, ist catchyness. Was mich an Don't Be Careful, You Might Hurt Yourself am meisten stört, kann ich noch nicht mal sagen - dass man hier wieder härter abliefert, dafür aber genau so grottenschlecht und uninspiriert? Möglich. Dass am Ende des Songs circa eine Minute fröhlich gepfiffen wird? Möglich. Dass ich weitere 4:22 meines Lebens an dieses Album verloren habe? Möglich.

Suicide Silence haben sich selbst beerdigt. Das muss man ihnen zugestehen. Sie haben sich gesagt 'fick doch die Fans, scheißegal, was die wollen. Wir machen unser Ding.' Ja, schön und gut. Ich als Musiker würde dasselbe tun. Warum Eddie Hermida jedoch einfach nur noch grauenhaft schlechte Vocals von sich gibt - außer an den erwähnten Stellen -, Alex Lopez die Drums spielt, als hätte er damit gerade erst angefangen, und die Gitarristen scheinbar auch keine rechte Lust zu haben scheinen, weiß kann ich jedoch nicht nachvollziehen.
Lediglich der Bass hat immer mal wieder interessante Auftritte, die hörenswert sind. Über die Produktion möchte ich mich hier überhaupt nicht mehr auslassen. Ein ausgedehntes, trauriges Kopfschütteln ist das Einzige, wozu ich noch in der Lage bin. Und ich möchte nicht Lucker und Hermida vergleichen, denn Lucker ist Lucker (gewesen) und Hermida Hermida. Jedoch bin ich mir sicher, dass es dieses Album mit Lucker nicht gegeben hätte.
Und das wäre schön gewesen.

Am bittersten ist die Attitude, die vor allem Hermida in einem Interview zur Schau stellt. Ein solches Album abliefern, und sich als große Heilsbringer der Deathcore-Szene zu sehen. Der Deathcore Szene geht es gut, so gut, wie schon seit langem nicht mehr, finde ich. Carnifex' Slow Death war ein großartiges Album, Science of Sleeps Hellmouth und Walking Dead On Broadways Slaves sind alles Platten, die sich nicht zu verstecken brauchen. Um von Lorna Shores Flesh Coffin gar nicht anzufangen.

Samstag, 25. Februar 2017

The Northern - Solstice


Band: The Northern
Album: Solstice
Genre: Metalcore
Release: 24.01.2017
Herkunft: Toronto, CDN
Rating: 8.5/10

The Northern. Eine junge Band, die sich 2013 unter anderem aus einigen Mitgliedern der Deathcore-Band Ascariasis formierte und noch im selben Jahr eine selbst produzierte EP (Imperium) ablieferte, die 5 progressive, teils djentige Metalcore-Songs allerhöchster Güte umfasste. Danach folgten die Songs Digitize, Revive und Matches - quasi drei Lieder in drei Jahren, jetzt nicht so die Bilanz, die ich persönlich mir gewünscht hätte. Jedoch war Ende Januar nun endlich Releasetermin des ersten Albums (den ich einfach mal komplett verpennt habe, GG...), und wo soll ich anfangen - das Warten hat sich definitiv gelohnt. Aurora weckt den Hörer mit sanften Synthiklängen, die gleich darauf in Solifer mit dick produzierten, schrappelnden Gitarren untermalt werden. Keine 30 Sekunden drin, brüllt schon Vocalist Nick Papageorgiou (der meiner Meinung nach einen der fantastischsten Namen unter der Sonne hat) los, was das Zeug hält. Im Huntergrund wird dabei munter gedjented und aufs Drusmet eingedroschen, bis - clean vocals. Moment, clean vocals? Ja, clean vocals! Zum ersten Mal seit Digitize lässt die Band ebendiese in ihre Musik mit einfließen, und tatsächlich nicht durch ein Feature - sondern ihren hauseigenen Drummer Adam, der, eben gerade in Solifer, einen fantastischen Job macht und an beiden Enden gehörig abliefert. Fette, mitreißende Drums und wohlklingende cleans. Jedoch muss ich an dieser Stelle gleich mal etwas nörgeln, da ich es nach einigen Durchgängen schade finde, wie sehr hier doch an das Gutturals-Cleans-Abwechslungs-Spiel "gestickt" wird. Das kann gut gehen, und auf den meisten Songs des Albums tut es das auch. Es ist nur leider sehr vorhersehbar und ein wenig Abwechslung hätte an dieser Stelle gut getan. Nauticus bringt ein Feature mit sich - Michael LaBelle von den Genrekollegen A Skylit Drive. Der macht einen guten Job und ergänzt Drummer Adam mit seinen cleans ganz ausgezeichnet, was dem Song einen interessanten und sehr eigenen Klanganstrich verleiht. Auch hier ist die Gitarrenarbeit wieder chuggy und djenty - aber eben nicht nur. Neben Palm Mutes kommt auch die Technik nicht zu kurz, die Mischung macht's, das hat man hier begriffen. Der Bass wummert gemütlich so über alles drüber und verleiht dem ganzen sozusagen die musikalische Schicht Käse. Er überbackt die Kulisse, und das klingt lecker. Alles prima, Nauticus ist ein absoluter Anspieltipps. Ataraxia macht an sich auch nichts falsch und fügt sich in das Gesamtkostüm ein, nur kann es leider - wie die meisten Lieder des Albums - in Sachen Eingängigkeit nicht mit Eclipse, einer instrumentalen Interlude, mithalten. Wer das letzte Walking Dead On Broadway Album (Slaves) gehört hat (hierbei sticht die Interlude 1110010 heraus), weiß, dass das schon mal vorkommen kann und nicht per se gegen die Qualität der anderen Songs sprechen muss - nur kann ich mir nicht vorstellen, dass es so gedacht war. Eclipse liefert zwei fantastisch komponierte Minuten Synthesizerkunst und hätte meinethalben auch doppelt so lange sein können - hört euch den Track mal an (ihr findet ihn hier), schließt die Augen, und schaut, was dabei vor eurem geistigen Auge entsteht. Polar Drift ist der Punkt, der mich bei jedem Durchhören zum Zähneknirschen bringt - hier wird mir das Spiel mit den cleans einfach zu übertrieben, ja sogar ein wenig erzwungen. Das ist schade, da der Song in Sachen Melodik und Komposition wirklich gut ist und auch Nick wieder über weite Strecken eine starke Performance abliefert. Erode hingegen bügelt diesen Makel wieder aus, prügelt den Hörer erneut ordentlich durch - und auch der Cleanpart ist wieder ok, sogar einer der besten des ganzen Albums. Matches ist mit fast fünf Minuten der längste Track des Albums und schafft es dabei nicht nur, die Aufmerksamkeitsspanne keine Sekunde abfallen zu lassen, sondern auch die Zeit scheinbar zu krümmen und die 5 Minuten wie 3 erscheinen zu lassen. Lyrisch wird hier reflektiert und das Vergehen einer Beziehung thematisiert, erneut untermalen einige stimmungsvolle Synthiklänge das Geschehen. Terra und Umbra bleiben dem Stil des Albums treu, befassen sich mit "overdrinking" als Bewältigungsstrategie (Terra) und den Auswirkungen von Medikamentenmissbrauch (Umbra). Die Band erklärte Umbra zu ihrem Favorit, meiner ist - neben Eclipse - ganz klar Terra.
Im Großen und Ganzen wird hier famose Arbeit geleistet und mein Gemecker bezüglich der clean vocals ist hochgesteckte Kritik. Chuggyness - check, djentyness - check, gute Lyrics - check. Lediglich die Abwechslung bleibt mir, wie erwähnt, ein wenig zu sehr auf der Strecke.
Starkes Debüt!
Anspieltipps: Nauticus, Eclipse, Erode, Matches, Terra.

Tell You What Now - Failsafe: Entropy


Band: Tell You What Now
Album: Failsafe: Entropy
Genre: Progressive Metalcore
Release: 24.02.2017
Herkunft: Berlin, GER
Rating: 10/10

Ja, ich LIEBE progressiven, djentigen Metalcore. Ich LIEBE den Groove und den Antrieb, den diese Songs meist in sich tragen.
Und als Liebhaber dieser Richtung, dieses Grooves und Drives liebe ich natürlich auch Bands wie Monuments und ERRA - aber allen voran eben auch die Berliner Tell You What Now. Deren Album Signs of Life war immer meine erste Wahl, selbst als 2016 ERRAs großartiges Werk Drift auf den Markt kam... war. Denn es scheint, als wäre Signs of Life innerhalb eines Tages (!) von Failsafe: Entropy abgelöst worden.
Nun, wie ist das möglich? Ganz einfach: das Album ist in meinen Augen eine vollkommene 5/5, 10/10 oder auch 100/100. Hier fehlt absolut nichts und man erhält - im Umkehrschluss logisch - alles. Einen absoluten akustischen Hochgenuss. Dieser beginnt schon beim Opener The Failsafe, welcher einen schonend und - da isses schon - groovend an Deep Dive heranführt. Das Feature mit Dave von Annisokay ist fantastisch, die Stimmen der Schreihälse ergänzen sich perfekt und auch mit den Clean Vocals. Als Hutträger muss ich selbigen an dieser Stelle bereits ziehen. Hierbei wird auch die nötige Atmosphäre nicht vergessen und man bekommt als Hörer tatsächlich das Gefühl, man würde untertauchen - nicht nur in dem Album, sondern tatsächlich auch unter Wasser. Jedoch ist hier vor allem der Punkt "in dem Album" entscheidend. Die Songs sind mit einer Meisterhaftigkeit inszeniert und komponiert, dass es (mir zumindest) schier unmöglich ist, mich nicht völlig darin zu verlieren (an dieser Stelle möchte ich anmerken, dass mich das Album einen Großteil meiner letzten Nacht gekostet hat). Aerith holt einen genau da ab, wo man von Deep Dive wieder aus dem Wasser geschmissen wird, und zieht direkt erbarmungslos weiter. Hierbei finde ich vor allem die Lyrics und die Melodik absolut herausragend. Schon während des ersten Hörens (dieser ersten Singleauskopplung) war das Album vorbestellt. Die, ich nenne sie mal "Spoken Words Passagen", die beispielsweise hier auf dem Album auftauchen, sind grandios umgesetzt, wie es schon beim Vorgänger der Fall war. Sie bilden somit ein Sahnehäubchen auf... naja, einem Sahnehäubchen. Bemerkenswert ist ebenfalls, dass auf dem gesamten Album stets sämtliche Intrumente angemessen zur Geltung kommen - man kann beispielsweise ohne Probleme den Bass hören, etwas, was mir persönlich auf vielen Alben der letzten Jahre fehlt. Apodictic fährt weiter den Mittelweg zwischen ausgeklügelter Melodik und Ins-Gesicht-Gedjente. Der Refrain ist, und das ist apodiktisch (sorry Jungs), einer der großartigsten auf dem Album. Auch der Pre-Chorus fesselt mich hier bei jedem Durchhören nochmal aufs Neue und macht dabei jedem professionellen Bondage-Artist Konkurrenz. Das Ende des Songs kam für mich beim ersten Hören unerwartet, denn darauf könnte auch locker ein Breakdown anschließen. Jedoch. Jesu sei Dank nicht!
Das Level der Faszination lässt sich mit dem einer Sirene vergleichen, das diese auf den arglosen Seefahrer ausübt... oh, nanu, Sirens Chant. Wie passend. Hierzu muss ich nicht mehr sagen. Wunderschöne piano..eske Klänge zu Beginn werden zu einem djentigen, groovygen Delta und münden erneut in diesem Ozean der großartigen Komposition. Ich entschuldige meine blumenstraußige Sprache, aber anders ist es schwer in Worte zu packen. Jenova ist ein wunderschönes, immersives Intrumentalstück und liefert am Ende - Painkiller. Und, hurra!, eine überarbeitete Version davon. Nicht falsch verstehen. Die Single war großartig und schön roh, genau von dieser Rohheit hat man hier einen Schritt Abstand genommen und den Song mehr auf die melodische Schiene getrimmt - und das Resultat ist großartig. Müsste ich mich für eine der beiden Versionen entscheiden, ich würde mich schlichtweg weigern, umdrehen und fortgehen. Mit Warbringer befindet sich dahinter ein weiterer Gänsehautkandidat. Ich mag die lyrischen Aussagen der Band. Und ich kann mir nicht helfen, jedes Mal, wenn Sänger Frodo "You should be thankful, for we brought you war!" brüllt, überläuft es mich und ich werde schlichtweg zu einer Gans. Beim Anschlussstück Nibelheim - erneut ein wunderschön treibendes und JA, da ist es WIEDER, groovendes Instrumentalstück - kam wohl wieder Frodos Faible für Final Fantasy durch (für diejenigen, die es bei Aerith noch nicht bemerkt haben) und schlich sich auf die Trackliste von Failsafe: Entropy. Journey to Midgar bäumt sich langsam, ruhig und mächtig auf, um dann in einer meisterlichen Fusion von allem, was die Band zu bieten hat, zu erblühen, mir nochmal eine Ganzkörpererektion (=Gänsehaut) zu verpassen und letztendlich zu enden. Silver Linings hat erneut ein Feature aufzuweisen, Ex-WBTBWB und (current)-Desasterkids Iain Duncan. Schönes Feature, fügt sich fantastisch in die Gesamtkomposition ein und verpasst dem Track noch einen Nackenschlag mehr Rawness. Krasses Ding, das auch als Rausschmeißer dienen könnte, und andere Bands hätten wahrscheinlich genau hier aufgehört - aber Tell You What Now wären ja nicht Tell You What Now, wenn sie nicht Tell You What Now wären. Ich hoffe, meine Aussageabsicht ist hier ersichtlich. The Entropy ist ein unbeschreiblich mächtiger (und mein bisher am meisten gehörter) Track, in dem auch das obligatorische "Blegh" enthalten ist, was dem ganzen allerdings kein Bein bricht. Es wurde nicht reingezwungen, nein, ich kann mir sogar vorstellen, dass Blegh einfach in diesem Song wohnt, dort Zuhause ist oder zumindest eine Sommerresidenz hat. Die Drums und Gitarren sorgen hier wieder für einen Drive, der beim Gehen beflügelt und beim Autofahren harte Drifts einschlagen lässt. Frodos Gutturals (die für mich ganz nebenbei bemerkt mit denen von Spencer Sotelo die unverwechselbarsten und besten des kompletten Genres darstellen) untermalen diesen Song, dieses Gefühl mit der angemessenen Wut und Verzweiflung.
Ich würde mir wünschen, Tell You What Now mit Periphery auf Tour zu sehen. Periphery als Vorband, TYWN als Headliner. Verdient hätten sie es, meiner Meinung nach schon lange, aber ganz objektiv betrachtet spätestens seit diesem Album. Ein ganz heißer Kandidat auf den Titel "Album des Jahres", denn was hier geliefert wird, ist schwer zu toppen. Am liebsten würde ich euch einen Punkt abziehen, weil ihr keine 100 Lieder drauf gepackt habt, aber das wäre utopisch. Ich bewerte, was ich höre, und das ist sowohl technisch als auch musikalisch ganz großes Kino.
Nüchtern und objektiv wird hier technisch erstklassiger, progressiver Metalcore abgeliefert, mit dem sich die Jungs nicht verstecken brauchen. Die Songs sind abwechslungsreich und mitreißend, es wurde eine gesunde Mischung zwischen Prügel- und Mid-, manchmal schon fast Downtempo gefunden.